Folgenabschätzung zu den möglichen Auswirkungen des Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019

Mastschweinegruppe auf Vollspaltenoden
Nach den Vorgaben des Tierschutzgesetzes ist ab dem 1. Januar 2019 die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland verboten. Im Rahmen einer Folgenabschätzung untersuchten- im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg - die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, die Landesanstalt für Schweinezucht in Boxberg sowie die Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL) in Schwäbisch Gmünd die Auswirkungen des Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration auf die Wettbewerbsfähigkeit der Schweinefleischerzeugung in Süddeutschland und auf die Strukturen in der Ferkelerzeugung.
Die Folgenabschätzung befasst sich nicht explizit mit der Klärung rechtlicher und tierärztlicher Aspekte.
Als Alternativen zur chirurgischen Kastration mit Betäubung bzw. Schmerzausschaltung wurden in der Folgenabschätzung die aktuell meistdiskutierten Verfahren betrachtet: Die Jungebermast, Jungebermast mit Impfung gegen Ebergeruch (Immunokastration) und die chirurgische Kastration unter Inhalations- oder Injektionsnarkose. Alle Verfahren wurden in den letzten Jahren (seit 2008) verstärkt wissenschaftlich untersucht, sind jedoch nicht völlig problemlos rechtskonform in die Praxis umzusetzen. Jede der Alternativen weist zahlreiche Vor- und Nachteile auf. Ob diese Verfahren bis 2019 zur Praxisreife entwickelt werden bzw. sich weitere Alternativen (z.B. lokale Betäubung) ergeben, ist derzeit nicht abschätzbar.
In Abhängigkeit vom Alternativverfahren zur betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration fallen zusätzliche Produktionskosten an. Da im europäischen Binnenmarkt Deutschland als eines der ersten bedeutenden Schweineerzeugungsländer eine gesetzliche Verschärfung für die Kastration männlicher Ferkel einführt, die in anderen bedeutenden Schweine haltenden Ländern Europas hingegen nicht vorgeschrieben ist, wird es durch die zusätzlichen Produktionskosten zwangsläufig zu Wettbewerbsverzerrungen kommen.

Zusatzkosten führen zwangsläufig zur Betriebszweigaufgaben

Die chirurgische Kastration unter Betäubung mit Isofluran bzw. Ketamin/Stresnil ist durch die derzeit faktische Notwendigkeit der Anwesenheit eines Tierarztes und die zusätzlichen Gerätekosten bei der Inhalationsnarkose mittels Isofluran mit erheblichen Zusatzkosten insbesondere für Zuchtsauenhalter mit Beständen bis 250 Zuchtsauen belastet.
Da die Akzeptanz von Fleisch von mit Improvac geimpften Ebern in Süddeutschland derzeit bis auf wenige Ausnahmen gegen Null geht, wird diese Alternative nach aktueller Einschätzung nur in einem geringen Umfang zur Anwendung kommen können.
In Süddeutschland wird aufgrund der speziellen Vermarktungswege kurz- bis mittelfristig der Anteil an Eberfleisch im Schweinefleischmarkt kaum über 10 bis 20 % hinausgehen. Dies bedeutet, dass spätestens ab dem 01.01.2019 rund 60 bis 80 % der männlichen Ferkel in Süddeutschland mit strukturbedingten Zusatzkosten von rund 13 Mio. € pro Jahr unter Betäubung kastriert werden müssen. Diese Wettbewerbsbelastung werden die Ferkelerzeuger nicht aus eigener Kraft ausgleichen können.

Strukturbruch bei der süddeutschen Ferkelerzeugung

Folglich werden insbesondere kleine und mittlere Ferkelerzeuger bis 250 Zuchtsauen verstärkt den Betriebszweig aufgeben. Damit wird sich der schon seit einigen Jahren beschleunigt ablaufende Strukturwandel in der süddeutschen Ferkelerzeugung verstärken.
Diese Situation belastet auch die Schweinefleischerzeugung in bestehenden Regionalprogrammen, welche auf die Geburt der Ferkel in den jeweiligen süddeutschen Regionen/Bundesländern setzen. Umfragen bei den süddeutschen Ferkelvermarktern und Schlachtunternehmen haben die bisherigen Einschätzungen erhärtet, dass durch das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration ein erheblicher Strukturbruch bei der süddeutschen Ferkelerzeugung zu erwarten ist.
Für den Fall, dass ausländische Anbieter von Ferkeln, Mastschweinen oder Schweinefleisch, die ins QS-System liefern wollen, die gleichen Auflagen bzgl. der Ferkelkastration einhalten müssen wie deutsche Erzeuger, wird davon ausgegangen, dass für bis zu 15 % Marktanteil der süddeutschen Schweine günstigere Bezugsquellen von Ferkeln oder Schlachtschweinen bzw. Schweinefleisch im Ausland gesucht werden. Das bedeutet, diese werden zukünftig aus dem Ausland importiert. Als Folge könnten bis zu 15 % weniger süddeutsche Ferkel abgesetzt werden.

Wettbewerbsvorteile für ausländische Anbieter

Für den Fall, dass ausländische Anbieter von Ferkeln, Mastschweinen oder Schweinefleisch weiterhin keine Kastration unter Betäubung durchführen müssen, wenn sie ins QS-System liefern wollen, entstehen ausländischen Anbietern Wettbewerbsvorteile. Somit würden Ferkel, Mastschweine oder Schweinefleisch verstärkt eingeführt, was dazu führt, dass bis zu 35 % der bayerischen und bis zu 26 % der baden-württembergischen Ferkel keinen Absatz mehr haben und deren Erzeugung zusätzlich zum ohnehin laufenden Strukturwandel früher oder später aufgegeben würde.
Um die negativen Folgen auf die Strukturen und die Wettbewerbsfähigkeit der süddeutschen Schweineerzeuger abzumildern, werden in der Stellungnahme Optionen für die Marktbeteiligten und die Politik aufgezeigt.
Eine Aufspaltung in der Ferkelvermarktung auf Grundlage des Geschlechts (weibliches Ferkel, männliches kastriertes Ferkel oder männliches Eberferkel) ist unbedingt zu vermeiden. Mit Blick auf den Geflügelsektor birgt eine Aufspaltung die Gefahr, dass ein Teil der Ferkel keine Abnehmer findet und wertlos wird.
Eine zentrale Aufgabe von Politik und Marktbeteiligten wird es sein, rechtskonforme, praktikable und v.a. kostengünstige Verfahren (z.B. lokale Betäubung) zur Kastration auf den Weg zu bringen, die Wettbewerbsnachteile gegenüber ausländischen Anbietern von Ferkeln, Mastschweinen oder Schweinefleisch verhindern, unter Umständen als spezifisch süddeutsche Variante.