Inhalt:
zurück zum Seitenanfang|
Workshop "Dokumentierter und kontrollierter Anbau ausgewählter TCM-Pflanzen in Deutschland - eine Chance für bessere Drogenqualität in der TCM"
Auf große Resonanz stieß der am 04. Oktober 2007 in Freising veranstaltete Workshop, zu dem die beiden Ärztegesellschaften SMS (Societas Medicinae Sinensis/Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin) und DECA (Gesellschaft für die Dokumentation von Erfahrungsmaterial der Chinesischen Arzneitherapie) eingeladen hatten. Organisiert wurde er von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), Arbeitsgruppe "Heil- und Gewürzpflanzen". Rund 50 Teilnehmer, davon etwa 30 Apotheker, Ärzte und Firmenvertreter verfolgten mit großem Interesse die verschiedenen Fachvorträge
Erfolgreiches interdisziplinäres Forschungsprojekt
Prof. Bomme (LfL) gab zunächst einen Überblick über das seit 1999 vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium und der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe geförderte große interdisziplinäre Forschungsprojekt zum dokumentierten und kontrollierten inländischen Feldanbau von Heilpflanzen, die in der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) Verwendung finden. Eingebunden in das interdisziplinäre Vorhaben sind neben der Landesanstalt eine Reihe von anderen Institutionen und Firmen, um alle relevanten Forschungsbereiche abdecken zu können
Vortrag von Prof. Dr. Bomme
- Powerpointfolien im pdf-Format - 3 MB
Die Ergebnisse dieses in seiner Komplexität in Europa wohl einmaligen Projektes haben bereits nach sechs Jahren aufgrund des integrativen Forschungs- und Beratungsmanagements der LfL ihren Niederschlag in der Praxis gefunden. So konnte seit 2005 mit beratender Unterstützung der Landesanstalt ein Pilot-Vertragsanbau mit den Arten Angelica dahurica, Salvia miltiorrhiza, Saposhnikovia divaricata, Scutellaria baicalensis (Wurzeldrogen) sowie Artemisia scoparia, Leonurus japonicus, Sigesbeckia pubescens (Krautdrogen) in Bayern in die Wege geleitet werden. Seit 2007 wird auch Astragalus mongholicus (Synonym A. membranaceus) kultiviert. Die Landwirte sind versierte Spezialisten, die schon seit vielen Jahren professionell und großflächig in der europäischen Phytotherapie verwendete Heilpflanzen wie Sonnenhut, Johanniskraut, Pfefferminze oder Zitronenmelisse anbauen und zur Droge (= getrocknete Pflanzenteile) verarbeiten. Dieser heimische Anbau mit definiertem Pflanzenmaterial garantiert gute Qualität, wie die bisherigen Ergebnisse (s. weitere Vorträge) zeigen.
DNA-Analysen sorgen für Sicherheit
Prof. Heubl von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München schilderte in seinem Vortrag eindrucksvoll, wie es mit den modernen Methoden der DNA-Analytik möglich ist, chinesische Heilpflanzen zu charakterisieren und zu identifizieren
Vortrag von Prof. Heubl
- Powerpointfolien im pdf-Format - 2.9 MB
Wie in dem Projekt laufend praktiziert, können dadurch folgenschwere Verwechslungen von Pflanzenarten, über die immer wieder gerade im Bereich der TCM berichtet wird, vermieden werden. Am Beispiel Rheum konnte festgestellt werden, dass die über den internationalen Saatguthandel bezogenen Herkünfte Rh. palmatum und Rh. officinale (damit konform zum Chinesischen Arzneibuch), nicht aber Rh. tanguticum zuzuordnen sind.
Bei Astragalus erwiesen sich nur einige der geprüften Herkünfte als Arzneibuch-konform, wobei der offizielle und aktuelle botanische Name inzwischen A. mongholicus Bunge lautet (nicht mehr wie im Chinesischen Arzneibuch 2005 angegeben A. membranaceus var. mongholicus oder A. membranaceus).
Für Leonurus konnte gezeigt werden, dass es sich in den meisten Fällen bei den als L. heterophyllus oder L. sibiricus bezogenen Herkünften tatsächlich um die Arzneibuch-konforme Art L. japonicus handelte. Eine erwies sich allerdings auch als die "falsche" Art, was der Nachweis von L. quinquelobatus zeigte!
Phytochemische Analytik bestätigt gute Qualität
Prof. Dr. Bauer von der Karl-Franzens-Universität Graz griff in seinem Vortrag zur phytochemischen Analytik aus der großen Fülle der bisher vorliegenden Analysenergebnisse einige typische Beispiele heraus
Vortrag von Prof. Bauer
- Powerpointfolien im pdf-Format - 1.9 MB
Zunächst ging er auf eine ganze Reihe von Problemen beim Import chinesischer Arzneidrogen ein und verwies auf die einschlägigen Bestimmungen, die auch für chinesische Heilpflanzen als Arzneimittel gelten.
Am Beispiel Scutellaria baicalensis konnte er die guten Baicalingehalte in der Wurzeldroge aus dem Versuchsanbau demonstrieren, die deutlich über dem geforderten Mindestwert von 8 % lagen.
An Hand von DC- und HPLC-Analysen wurde eine als Angelica dahurica Herkunft verkaufte Saatgutcharge als A. archangelica identifiziert und als "falsche" Art ausselektiert.
Untersuchungen zum geforderten Inhaltsstoffgehalt von Saposhnikovia divaricata bewiesen, dass nur bestimmte Versuchsvarianten den Mindestgehalt deutlich überschritten, während es bei Salvia miltiorrhiza alle waren. Deutlich betonte der Referent die gute Qualität der Drogen aus dem Forschungsprojekt!
Überzeugendes Plädoyer für inländischen Anbau
Frau Dr. Heuberger (LfL) ging in ihrem Übersichtsvortrag auf die umfangreichen Ergebnisse der vergleichenden Qualitäts- und sensorischen Untersuchungen an Drogen aus Versuchsanbau und Importen ein
Vortrag von Frau Dr. Heuberger
- Powerpointfolien im pdf-Format - 836 KB
Die vielen von den Firmen PhytoLab, Vestenbergsgreuth, und Kräuter Mix, Abtswind, auf eigene Kosten durchgeführten Untersuchungen gaben ein überzeugendes Plädoyer für die im Inland erzeugten Drogen ab. Das gilt vor allem für die Bereiche Identität, Schwermetalle, Mykotoxine, Pestizide und Inhaltsstoffe.
Anwender stellen sich hinter heimischen Anbau
Dr. Friedl, Vorsitzender der DECA und Chefarzt der Klinik SiLiMa in Riedering, referierte in seinem Vortrag über erste Ergebnisse aus Anwendungsbeobachtungen mit TCM-Drogen aus heimischem Anbau und Importen durch Ärzte der DECA
Vortrag von Dr. Friedl
- Powerpointfolien im pdf-Format - 1 MB
Er konnte berichten, dass in 28 Beobachtungsfällen nur ein einziger Wirkungsunterschied zwischen heimischer und chinesischer Importware festgestellt wurde. Dieser wurde eventuell durch die stärkere Wirkung frischerer Leonurus-Droge aus heimischer Produktion verursacht. In den 27 anderen Fällen wurden keine Unterschiede, auch nicht in den Nebenwirkungen, beobachtet! Als rationales Argument für den kontrollierten heimischen Anbau stellte der Vortragende die Vermeidung von Risiken heraus.
Anschließend ging der Internist und Experte für chinesische Medizin Dr. Hummelsberger aus München, Präsident der SMS, in seinem Vortrag auf die Problematik von TCM-Drogen generell sowie auf die bisherigen Erfahrungen mit Drogen aus heimischem Anbau ein
Vortrag von Dr. Hummelsberger
- Powerpointfolien im pdf-Format - 596 KB
Nach seinen Erfahrungen scheinen die heimischen Drogen identisch zu wirken.
Als generelles Problem wird von ihm die Prozessierung (paozhi) angesehen, über deren genaue Wirkung bei chinesischen Drogen bisher keine Ergebnisse vorliegen. In vielen Fällen werden auch keine Angaben zur Prozessierung gemacht. Als Fazit gab der Referent eine eindeutige Anwendungsempfehlung für die unter kontrollierten und dokumentierten Bedingungen mit definiertem Pflanzenmaterial produzierten heimischen Drogen!
Ab Frühjahr 2008 planen DECA und SMS die Durchführung von Therapiestudien zum Prämenstruellem Syndrom und zur Rhinosinusitis im Vergleich von heimischer Anbauware und Importen.
Vorteile des dokumentierten Anbaues müssen genutzt werden
Als Fazit der ungewöhnlich langen, engagierten und offenen Diskussion im Anschluss an die Referate ist festzustellen, dass nach den fundierten Vorträgen die teilweise vorhandenen Vorbehalte gegenüber TCM-Drogen aus dem Inland vollständig ausgeräumt werden konnten. Die zunächst nur auf die inländischen Drogen fokussierten Probleme stellten sich schnell als generell bei der Anwendung chinesischer Arzneimittel auftretende Schwierigkeiten für einen eindeutigen Wirksamkeitsnachweis nach dem Vorbild "klassischer" klinischer Studien heraus. Dies ist sowohl durch die unterschiedlichen Rezepturen mit vielen Drogenkomponenten als auch durch die auf den Einzelfall abgestimmte individuelle Dosierung bedingt.
Nach dem eindeutigen Plädoyer der Anwender für die bisher – naturgemäß erst wenigen – Drogen aus heimischem Anbau sind nun die Abnehmer aufgefordert, die einmalige Chance zu nutzen und den ersten Pilot-Praxisanbau als Initialzündung zu betrachten! Erst wenn ein größerer Bedarf entsteht, kann an eine Anbauausweitung und den Einsatz größerer professioneller Aufbereitungsanlagen gedacht werden, wobei aber weiterhin großer Beratungsaufwand seitens der LfL und Experimentierfreudigkeit der Anbauer erforderlich sein werden. Es wäre schade, wenn nur aufgrund von Ressentiments gegenüber im Inland erzeugter Drogen für den Einsatz in der TCM der erfolgreich begonnene Anbau im Sande verlaufen und die Gelegenheit zu mehr Arzneimittelsicherheit ungenutzt verstreichen würden. Bei Pfefferminze, Kamille oder Baldrian würde kein Arzt und kein Apotheker nach dem Produktionsort fragen. Entscheidend allein ist die nachgewiesene gute Qualität!
Die Adressen der Ansprechpartner für die Praxisware aus dem Pilotanbau sind nachfolgend aufgeführt:
Kräuterhof Gerhard Frieß
Anbaugemeinschaft Heilpflanzen Rother Land
Beerbach 28
91183 Abenberg
Tel.: 09873/94981
Fax: 09873/94982
Handy 0170/4840941
E-Mail: Friess-Heilpflanzen@t-online.de
Thomas Bachhuber
China-Medica GmbH
Perronstr. 5
83684 Tegernsee
Tel.: 08022-706469
Fax: 08022-706471
E-Mail: info@china-medica.de
Hans-Jürgen Löschner
SinoRes Warenhandelsgesellschaft mbH
Habichtsweg 17
21337 Lüneburg
Tel.: 04131/49237 und 04131/731347
Fax: 04131/404672
E-Mail: SinoRes@t-online.de
Im Anschluss nochmal die Vorträge (Powerpointfolien) zum Herunterladen im pdf-Format
November 2007
Prof. Dr. Ulrich Bomme
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung
Tel.: 08161/71-3637 • Fax: 08161/71-4102
|