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Kartoffeljahr 2008 - Kartoffel und Hunger - ein Thema für Europa?
Die Kartoffel – ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Europa
Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2008 zum „Internationalen Jahr der Kartoffel“ ernannt. Dabei soll insbesondere die Bedeutung der Kartoffel zur Hungerbekämpfung in der Welt herausgestellt werden. Für Deutschland und weite Teile Europas ist dies angesichts rückläufiger Kartoffelanbauflächen und EU- Programmen zur Reduzierung von Übergewichtsproblemen nicht unmittelbar nachvollziehbar. Doch das war nicht immer so. In dem Kartoffelgedicht von Friedrich Sauter (1804 – 1854) wurde schon vor fast 200 Jahren die Bedeutung der Kartoffel zur Bekämpfung des Hungers in Europa lyrisch gewürdigt:
Solang wir die Kartoffelfrucht
in unserem Lande sehen,
kann keine große Hungersnot
aus Misswachs mehr entstehen.
Gott hat sie wie das liebe Brot
zur Nahrung uns gegeben,
wie viel Millionen Menschen sind,
die von Kartoffel leben.
Man muss nicht weit nach Osten reisen, um den Beitrag der Kartoffel zur Ernährungssicherung zu erfassen: Nirgendwo auf der Welt werden so viele Kartoffeln gegessen wie in Weißrussland. Mit einem pro Kopf Verbrauch von 338 kg/Person/Jahr werden fast fünfmal soviel Kartoffeln verzehrt wie in Deutschland.
Tabelle: Statistik über die weltweite Kartoffelproduktion
Die Ukraine hat weltweit betrachtet mit 19,5 Millionen Tonnen die viertgrößte Kartoffelproduktion nach China, Russland und Indien. Die Kartoffel wird dort als "das zweite Brot des Landes" bezeichnet. Polen war in den 70-iger Jahren mit 50 Millionen Tonnen noch die zweitgrößte Kartoffelanbaunation weltweit nach Russland. Rumänien ist eines der wenigen europäischen Ländern mit kontinuierlich wachsenden Anbau- und Konsumzahlen. Hier werden noch nahezu alle Speisekartoffeln direkt, d.h. ohne industrielle Verarbeitung, frisch verzehrt. Kartoffeln sind also auch in Europa immer noch ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Doch es dauerte über 200 Jahre, bis sich diese Bedeutung der Kartoffel für die menschliche Ernährung in Europa manifestieren konnte.
Die wirren Anfänge einer neuen Kulturpflanze
Die Kartoffel kam bereits Mitte des 16. Jahrhunderts nach Europa. Diego Davilla Bricegno, der über 45 Jahre in Peru lebte, erkannte 1586 den Wert dieser Importpflanze: "Wenn die Kartoffel in Spanien ebenso wie hier angebaut werden würde, könnte sie eine bedeutende Stütze in den Jahren der Hungersnot sein." Doch die Kartoffel erlangte zunächst als Nahrungsmittel kaum an Beachtung und schmückte vielmehr als Zier- und Heilpflanze die Gärten europäischer Höfe und Klöster. Dank des hohen Vitamin C-Gehaltes erhielt sie lediglich als Seefahrernahrung eine gewisse Aufmerksamkeit und wurde in den Gegenden um die Häfen der Seefahrernationen vermehrt angebaut.
Selbst das Elend im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) reichte noch nicht wirklich aus, um den Siegeszug der Kartoffel einzuleiten. Sicher auch deshalb, weil die damals angebauten Kartoffeln noch nicht optimal an die Langtagbedingungen angepasst waren und deshalb sehr spät reiften und zumindest teilweise nicht schmeckten, weil sie einen sehr hohen Solanin-Gehalt aufwiesen. Nebenwirkungen wie Kopf-, Hals- und Bauchschmerzen verbunden mit Schweißausbrüchen und Übelkeit waren nicht selten die Folge. Als "Inkarnation des Bösen" galt die Kartoffel zeitweise als Auslöser von Pest und Lepra und wurde auch wegen ihrer aphrodisierenden Wirkung von der Kirche abgelehnt.
Beginn des Kartoffelanbaus in Deutschland
Der Kartoffelanbau in Deutschland beginnt im Jahr 1647 im bayerischen Vogtland: Der Bauer Hans Roggler brachte die ihm wohlschmeckenden Knollen aus dem Grenzgebiet Böhmen/Sudetenland mit nach Pilgramsreuth bei Selb und drückte sie in seine Felder. Ein halbes Jahrhundert später gab es 500 Kartoffelfelder in der Region. Bald gelangten die Knollen auch in die Oberpfalz und ins Erzgebirge. Die Kartoffel war für den Anbau auf nährstoffarmen Böden besser geeignet als Getreide und konnte ohne weitere Verarbeitung direkt verzehrt werden. Auch die kleinen, hügeligen Flächen begünstigten den zwar mühsameren aber ertragreicheren Kartoffelanbau, und so war hier kein äußerer Druck erforderlich, um die kleinbäuerlichen Betriebe vom Anbau der Kartoffel zu überzeugen. Außerdem gab es jahrzehntelang keine Verpflichtung, den Zehnt von Kartoffeln an die Grundherren abzugeben. An anderen Orten begegnete man der Kartoffel dennoch weiterhin sehr skeptisch.
Die Knolle setzt sich durch
Der Kartoffelanbau passte nicht in das System der klassischen Dreifelderwirtschaft mit dem wechselnden Anbau von Sommergetreide, Wintergetreide und beweideter Brache. So waren es neben den Kartoffelanbauverordnungen der großen Staatsherren im 18. Jahrhundert vor allem die Hungersnöte und Agrarreformen, die dem Kartoffelanbau zum Durchbruch verhalfen. 1720 verordnete der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I als Folge von Getreidemissernten den Anbau von Kartoffeln unter Androhung drakonischer Strafen bei Missachtung. Friedrich II ließ während der Hungersnot 1743/1744 Kartoffeln verteilen. Bei anhaltendem Widerstand griff er wohl zu einer List und ließ Kartoffelfelder von Soldaten bewachen, um die Neugier der Bauern für das neue Nahrungsmittel zu wecken. Schließlich erteilte er nach mehreren Anordnungen 1756 den Kartoffelbefehl an seine Untertanen. Doch erst nach dem siebenjährigen Krieg (1756 -1763) wird die Kartoffel als neues Nahrungsmittel wirklich akzeptiert. In Österreich blieb 1767 der Beschluss von Maria Theresia über den Anbau von Kartoffeln zur Minderung der Hungersnot vor allem wegen dem Widerstand der Kirche erfolglos – ließ sich aus den Knollen doch auch Alkohol gewinnen.
Doch der äußere Existenzdruck begünstigte den Kartoffelanbau im nördlichen Europa immer mehr. Klimatische Veränderungen führten zu kalten, niederschlagsreichen Jahren mit großen Getreidemissernten in den Jahren 1771/1772 und Folgejahrzehnten bis hin zur großen Hungersnot 1816/1817 aufgrund weiterer starker klimatischer Veränderungen („Jahr ohne Sommer“) nach einem Vulkanausbruch in Indonesien. In Frankreich wurde die Kartoffel nach der großen Revolution (1799) zum Hauptnahrungsmittel und Napoleon versorgte sein Heer fast ausschließlich mit Kartoffeln.
Dank neuer Anbau- und Bewirtschaftungsmethoden nahm die Produktivität der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft von 1800 – 1844 um zwei Drittel zu. Arbeitskräfte wurden frei für die beginnende Industrialisierung. Dennoch kam es in erster Linie aufgrund anhaltender sozialer Missstände und auch aufkommenden Kartoffelkrankheiten zu weiteren Missernten und Hungerkrisen bis 1847. Mit dem Berliner Kartoffelkrieg, bei dem aufgebrachte Bürger gewaltsam gegen Markthändler wegen überteuerter Preise vorgingen, nimmt die bürgerliche Revolution in Deutschland ihren Anfang. Die kommenden Agrarreformen, verbesserte Ackergeräte mit tieferer Bodenbearbeitung (Vielfachgerät, Häufelpflug) und die Entwicklung von Mineraldünger (1840) führten zur Verdopplung der Erträge, die Versorgung mit Nahrungsmittel stabilisierte sich anhaltend insbesondere durch dien Kartoffelanbau, ebenso damit verbunden die Gesundheit der Bevölkerung. Erst 1916/1917 kam es bedingt durch den ersten Weltkrieg und einer Kartoffelmissernte noch einmal zu einer Hungersnot. Die gute Kartoffelernte im Folgejahr bewahrte vor weiteren Katastrophen.
Die große Hungersnot in Irland
Im Gegensatz zum europäischen Festland wurde die Kartoffel in Irland schon 1625 zum wichtigsten Grundnahrungsmittel und begünstigte ein enormes Bevölkerungswachstum von 0,5 Millionen zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf 8,2 Millionen 1841. Doch so gut die Kartoffel in der Geschichte half, den Hunger zu mindern, so verhängnisvoll zeigte sich die resultierende Abhängigkeit bei Anwendung einseitiger Anbausysteme in der großen Hungersnot in den Jahren 1845 – 1849. Als Folge einer Kartoffelmonokultur breitete sich eine neu eingeschleppte Kartoffelkrankheit, die Kraut- und Knollenfäule, rapide aus. Diese Krankheit bereitet auch heute noch große Probleme im Kartoffelbau und erfordert intensive Pflanzenschutzmaßnahmen. Da in Irland nur zwei anfällige Sorten angebaut wurden, brachen die Bestände in kurzer Zeit zusammen. 1,5 Millionen Iren starben, 2,5 Millionen Iren wanderten nach Amerika aus.
Doch wie so oft war dieser Hunger auch ein Verteilungsproblem. Die benachbarten Briten behielten ihre Getreideüberschüsse für sich und ließen der Katastrophe freien Lauf. Diese Politik hat den damals in London lebenden Karl Marx stark beeinflusst. Doch auch in Fortwirkung seiner Lehre blieb der Hunger nicht aus. Als Folge der Zwangskollektivierung unter Stalin kam es 1933 in der Ukraine zu einer noch viel größeren Hungerkatastrophe mit 7 Millionen Toten. Hunger hatte auch in Europa viele Gesichter.
Historische Bedeutung des Kartoffelanbaus
Die Kartoffel spielte für die Entwicklung von Deutschland und weiten Teilen von Europa insbesondere im 19. Jahrhundert eine entscheidende Rolle. Ihr Beitrag zur Ernährungssicherung war eine der wichtigsten Grundlagen für ein starkes Bevölkerungswachstum, verbesserten sozialen Strukturen und wachsenden Wohlstand. So stieg die deutsche Bevölkerungszahl zwischen 1750 und 1840 von ca. 20 auf ca. 30 Millionen Menschen, es kam zur Bauernbefreiung und die Industrialisierung setzte ein. Nicht zuletzt waren es immer wiederkehrende große Hungersnöte im 17. und 18. Jahrhundert, die zu großen Veränderungen in der Landwirtschaft zwangen. Die Bereitschaft zu Umstrukturierungen von der Umstellung der Ernährungsgewohnheiten bis hin zur Akzeptanz von neuen Anbauformen und Fruchtarten brauchte ihre Zeit, ebenso wie die Entwicklung einer guten fachlichen Praxis vor Ort. Dies sollten wir bei allen Projekten zur Bekämpfung des Hungers in der Welt nicht aus den Augen verlieren.
März 2008
Dr. Andrea Schwarzfischer
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung
Tel.: 08161/71-3637 • Fax: 08161/71-4102
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