Nachhaltigkeit
Ökologische Zuchtwerte auch für Genomische Jungvererber

Kühe grasen auf der Weide
Das Zuchtverfahren "Genomische Selektion" hat in einer rasanten Geschwindigkeit Einzug in die Rinderzucht gehalten. Aktuell wird bereits fast die Hälfte aller Besamungen mit sogenannten Genomischen Jungvererbern, d.h. von Bullen ohne Töchterleistungen, durchgeführt, wobei es allerdings deutliche Unterschiede zwischen den Besamungsstationen gibt. Dies führt jetzt auch zu einigen wichtigen Neuerungen.

3 Bullenkategorien mit unterschiedlichen Sicherheiten der Zuchtwerte

Bisher wurden bei der Berechnung der ökologischen Zuchtwerte sehr hohe Anforderungen an die Sicherheit der Zuchtwerte gestellt. Der ökologische Gesamtzuchtwert (ÖZW) wurde nur für Bullen berechnet, von denen mindestens 20 Töchtern mit mindestens 3 Probemelken in der 3. Laktation vorlagen. Hierdurch wurde eine hohe Sicherheit der Zuchtwerte, insbesondere in den Fitness-Werten gewährleistet. Da die Anzahl solcher Bullen, die im Angebot der Besamungsstationen sind, abnimmt, wird das Angebot an „klassischen ÖZW-Bullen“ in Zukunft deutlich geringer sein. Gleichzeitig weisen Bullen mit genomischen Zuchtwerten heute deutlich höhere Sicherheiten in den Fitnesswerten auf, als dies früher, z.B. bei Bullen nach Abschluss des Prüfeinsatzes, der Fall war.
Aus diesem Grund werden seit August 2013 in den LfL-Informationen, ökologische Zuchtwerte für 3 Bullenkategorien, die unterschiedliche Sicherheiten der Zuchtwerte aufweisen, veröffentlicht:
  • Nachkommengeprüfte Bullen mit hoher Sicherheit (klassische ÖZW-Bullen = ÖZW)
  • Nachkommengeprüfte Bullen mit mittlerer Sicherheit (NK)
  • Genomische Jungvererber mit geringer Sicherheit (GJV)
Durchschnittlicher ÖZW und die durchschnittlicher Sicherheit
Den durchschnittlichen ÖZW und die durchschnittliche Sicherheit der jeweils besten 15 Fleckviehbullen in den einzelnen Kategorien zeigt Tabelle 1. Die Tabelle verdeutlicht, dass aufgrund des Zuchtfortschritts der Gesamtzuchtwert bei den „Genomischen Jungvererbern“ am höchsten und bei den klassischen ÖZW-Bullen am niedrigsten ist. Gleichzeitig weist diese Bullengruppe aber die höchste Sicherheit der Zuchtwerte auf. Dies bedeutet, dass bei der Besamung mit einem ÖZW-Bullen zwar auf den höchsten Zuchtfortschritt verzichtet wird, die Zuchtwerte aber sehr verlässlich sind. Bei der Besamung mit GJV wird der höchste Zuchtfortschritt erreicht, die Zuchtwerte schwanken aber noch sehr stark, d.h. sie können im Extremfall um bis zu 15 Punkte über oder unter dem veröffentlichten Zuchtwert liegen.
Tabelle 1: Durchschnittlicher Ökologischer Gesamtzuchtwert (ÖZW) und Sicherheit der jeweils besten 15 Fleckviehbullen innerhalb der Bullenkategorien
ÖZW NK GJV
Ökologischer Gesamtzuchtwert 131 134 143
Sicherheit 93 % 87 % 73 %
Um zu verhindern, dass in Extremfällen Bullen in einzelnen Merkmalen auf ein Niveau abfallen, dass z.B. zu Beeinträchtigungen in der Tiergesundheit der Nachkommen führen könnte, werden deshalb zusätzliche Mindestanforderungen (Tabellen 2 und 3) festgelegt. Da bei geringen Sicherheiten größere Zuchtwertschwankungen zu erwarten sind, sind die zusätzlichen Anforderungen kategorienspezifisch, d. h. mit geringerer Sicherheit erhöhen sich die Mindestanforderungen an die Zuchtwerte.
Die Reihung der Bullen erfolgt innerhalb jeder Kategorie wie bisher nach dem Ökologischen Gesamtzuchtwert.
Tabelle 2: Zusätzliche Mindestanforderungen an die Bullenkategorien beim Fleckvieh
Eu Fu EGW MB LS PER ND KF FE
GJV 103 100 100 100 103 100 100 100 100
NK 102 100 98 98 102 98 98 100 100
ÖZW 100 95 95 95 95 95 95 95 95
Tabelle 3: Zusätzliche Mindestanforderungen an die Bullenkategorien beim Braunvieh
Eu Fu LS KF FE
GJV 103 100 100 100 100
NK 100 98 96 94 94
ÖZW 100 95 94 92 92
Erläuterungen zu den Abkürzungen:
Eu - Euter (Zuchtwerte für Eu); Fu - Fundament; EGW - Eutergesundheitswert; MB - Melbarkeit; LS - Leistungssteigerung; PER - Persistenz; ND - Nutzungsdauer; KF - Kalbung und Fruchtbarkeit; FE - Fundament und Euter
Die zusätzlichen Mindestanforderungen sind für die klassischen ÖZW-Bullen am niedrigsten, da diese die höchste Zuchtwert-Sicherheit aufweisen. Für die Reihung nach dem Ökologischen Gesamtzuchtwert müssen für ÖZW-Bullen von mindestens 20 Töchtern eines Bullen mindestens 3 Probemelken in der 3. Laktation vorliegen. Aufgrund der höchsten Sicherheit dieser Bullen ist ein starkes Abfallen der Zuchtwerte in den folgenden Zuchtwertschätzungen nur in einem geringen Umfang zu erwarten. Da es sich bei diesen Bullen in der Regel um ältere Bullen handelt, ist allerdings das absolute Zuchtwertniveau niedriger.
Auf der anderen Seite ist die Sicherheit bei den genomischen Jungvererbern (GJV) am niedrigsten. Da von diesen noch keine Töchterleistungen vorliegen und die Zuchtwerte noch nicht durch Leistungsprüfungsergebnisse abgesichert sind, sind in dieser Bullenkategorie die zusätzlichen Mindestanforderungen am höchsten. Die höheren Mindestanforderungen sollen verhindern, dass es durch größere Rückgänge in den Zuchtwerten einzelner Merkmale zu Beeinträchtigungen in der Leistungsfähigkeit, Tiergesundheit und Langlebigkeit kommt.
Diese Bullengruppe hat das höchste absolute Zuchtwertniveau. Trotz der höheren Mindestanforderungen sollten bei Besamungen mit GJV die Besamungen auf mehrere verschiedene GJV-Bullen verteilt werden. Hierdurch kann das Risiko, dass sich aus geringeren Sicherheit ergibt, gestreut werden.
Die Kategorie nachkommengeprüfte Vererber mit mittlerer Sicherheit (NK) liegt zwischen den beiden Gruppen. Von diesen Bullen liegen bereits Töchterleistungen vor, die Anforderungen hinsichtlich der Sicherheit von ÖZW-Bullen werden aber nicht erreicht. Entsprechend liegen die zusätzlichen Grenzen zwischen ÖZW- und GJV-Bullen.
Da aufgrund der geringen Populationsgröße bisher keine Schätzung von Genomischen Zuchtwerten erfolgen kann, wird beim Gelbvieh nur zwischen ÖZW-Bullen und nachkommengeprüften Bullen mit mittlerer Sicherheit unterschieden.

Tabellarische Übersichten ersetzen die gewohnten Balkendiagramme

Um die Übersichtlichkeit bei der Vielzahl an Bullen zu erhalten, wird auf die gewohnte Darstellung der Vererbungsschwerpunkte mit Balkendiagrammen verzichtet. Stattdessen werden Stärken und Schwächen der Bullen in den Merkmalen Milch, Fleisch, Leistungssteigerung, Nutzungsdauer, Melkbarkeit, Eutergesundheitswert (Zellzahl bei Gelbvieh), Fundament und Euter in Tabellenform dargestellt. Die Tabellen geben einen kompakten Überblick über Stärken und Schwächen in für ökologische Betriebe wichtigen Einzelzuchtwerten.

Neuerungen in der konventionellen ZWS mit Auswirkungen auf den Ökologischen Gesamtzuchtwert

1. Veröffentlichung von Gesundheitszuchtwerten beim Braunvieh

Beim Braunvieh werden zusätzlich wie beim Fleckvieh Zuchtwerte für die Gesundheits-merkmale „frühe Fruchtbarkeitsstörungen“, Zysten, Mastitis und Milchfieber veröffentlicht und in den Bullenblättern dargestellt.
Bei der Rasse Gelbvieh werden keine Gesundheitszuchtwerte geschätzt.

2. Einbeziehung der GEsundheitsmerkmale in den ÖZW bei Fleckvieh und Braunvieh

Mit der Zuchtwertschätzung August 2013 werden die Gesundheitszuchtwerte bei der Berechnung des konventionenllen und des ökologischen Gesamtzuchtwerts berücksichtigt. Die Einbeziehung der Gesundheitsmerkmale in den ÖZW erfolgt über die zwei neuen Indizes Fruchtbarkeitswert (FRW) und Eutergesundheitswert (EGW).
Im FRW werden mit der Indexmethode die Zuchtwerte „maternale Fruchtbarkeit“, „frühe Fruchtbarkeitsstörungen“ und Zysten kombiniert. Er ersetzt bei der Berechnung des ÖZW den „Zuchtwert maternale Fruchtbarkeit“ und wird auch in den Bullenblättern entsprechend veröffentlicht.
Im EGW werden mit der Indexmethode die Zuchtwerte für Zellzahl, Mastitis und für ausgewählte Euterexterieurmerkmale (Voreuteraufhängung, Euterboden bzw. Eutertiefe und Strichplatzierung vorne (Fleckvieh) bzw. hinten (Braunvieh)) kombiniert. Der EGW ersetzt die Zellzahl bei der Berechnung des ÖZW und wird zusätzlich zur Zellzahl in den Bullenblättern veröffentlicht.
Da bei der Rasse Gelbvieh keine Gesundheitszuchtwerte geschätzt werden können, wird der ÖZW wie bisher berechnet. Der EGW entfällt und es wird wie bisher die maternale Fruchtbarkeit veröffentlicht.
Stand: August 2013