Alm- und Zuchtprojekt Alpines Steinschaf

Alpine Steinschafböcke vor Almhütte

Alpine Steinschafböcke auf der Kleinrechenbergalm

Zum inzwischen dritten Mal verbrachten 16 Alpine Steinschafböcke einen Almsommer auf der Kleinrechenbergalm oberhalb Unterwössen (nahe Chiemsee).

Im Rahmen des Almabtriebs am 16.09.2012 zogen Gemeinde, Umwelt- und Landwirtschaftsverwaltung sowie die engagierten Züchter eine positive Bilanz der vergangenen drei Jahre. Der Artikel stellt das Alpine Steinschaf, die Auswirkungen der Almhaltung sowie der Zucht und die Vermarktung von Schafprodukten in den Fokus.
Abgesehen vom Werdenfelser Land spielt die Almhaltung von Schafen in Bayern eher eine untergeordnete Rolle. Rund 3.000 Schafe werden gealpt bzw. etwa 1 Prozent von 230.000 Schafen in Bayern, obwohl es eine Vielzahl interessierter und aktiver Züchter der Bergschafrassen in Bayern gibt. Gleichzeitig gibt es ehemalige Almen und Almflächen, die in den letzten Jahren aus der Nutzung gefallen sind und zu verwalden drohen.
Die Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierzucht in Grub nahm das Interreg-Projekt "Almen aktivieren – neue Wege für die Vielfalt" der Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL) zum Anlass, dieser Entwicklung mit vielen kleineren Maßnahmen gemeinsam mit den Züchtern aktiv entgegenzuwirken. Im Mittelpunkt steht dabei die Wiedernutzbarmachung der bis 2010 aufgelassenen (nicht mehr genutzten) Kleinrechenbergalm im Landkreis Traunstein in Oberbayern mit der gefährdeten Schafrasse Alpines Steinschaf.
Projektlaufzeit:
Mai 2010 bis September 2013

Ziele:

  • Erhalt der einheimischen und oftmals gefährdeten Bergschafrassen
  • Erhalt des ursprünglichen Lebensraumes Alm für die Schafhaltung
  • Entwicklung von neuen Zuchtkriterien für Bergschafrassen
  • Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung
  • Verbesserung der Produktvermarktung
Weitere Informationen zum Projekt "Almen aktivieren"

http://www.almenvielfalt.com Externer Link

Das Zuchtprojekt läuft seit 2010 im Rahmen des genehmigten neuen BLE-Modellvorhaben: "Infrastruktur für die bundesweite Zucht bestandsgefährdeter Nutztierrassen", dass von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) eingereicht wurde. Im Rahmen dieses Projektes sollen beim Alpinen Steinschaf der Almindex etabliert, Wolluntersuchungen durchgeführt und ein Informationsstand im Nationalpark Berchtesgadener Land erstellt werden.
Unter gleichen Umweltbedingungen entwickelten sich die Jungböcke trotz durchschnittlicher Futterqualität prächtig und legten im Gewicht zwischen 3 und 11 kg zu. Am Abtriebstag wurde für alle Böcke ein eigener Almindex errechnet, der sich aus der Gewichtsentwicklung sowie der Beurteilung der Almtauglichkeit (berggängig und fit), Klauenbeschaffenheit, Gesundheit, Wollqualität und -feinheit, Bemuskelung, Äußere Erscheinung und Prämierungsergebnis zusammensetzt. Maximal kann ein Bock 100 Punkte erreichen. Die drei erstplatzierten Böcke lagen zwischen 86 und 89 Punkten.
Projektlaufzeit:
Oktober 2010 bis September 2013

Das Alpine Steinschaf

Erhaltungsverantwortung Bayerns

Das Alpine Steinschaf wird von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) auf der Roten Liste unter „Erhaltungszustand“ geführt, d.h. dass deutschlandweit eine effektive Populationsgröße zwischen 50 und 200 Tieren vorhanden ist. Um eine Solche erhalten zu können, müssen spezielle an der genetischen Erhaltung orientierte Zuchtprogramme entwickelt, Kryoreserven angelegt und ein Monitoring durchgeführt werden. (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: Rote Liste der gefährdeten einheimischen Nutztierrassen in Deutschland, 2008). Bayern trägt deutschlandweit die Hauptverantwortung für den Erhalt dieser Rasse, da es ursprünglich im ganzen Ostalpenraum, u.a. im bayerischen Alpenraum beheimatet war.

Rassetypische Merkmale

Typischer Bock der vom Aussterben bedrohten Rasse Alpines Steinschaf.Zoombild vorhanden

Ein typischer Bock

Das Alpine Steinschaf stammt vom Torfschaf ab und entspricht der ursprünglichen Schafrasse der Alpen. Letzte Reste dieser Rasse wurden in Bayern (Berchtesgadener Land), Salzburg und Tirol (Nauders) erhalten. Es ist ein feingliedriges, kleines bis mittelgroßes Schaf, mit breitem und tiefem Körper. Das Kopfprofil ist gerade und das Nasenbein leicht gebogen, die Ohren stehen leicht hängend ab. Die Böcke tragen häufig einfach gebogene oder schneckenartige Hörner, bei Mutterschafen sind gelegentlich Knaupen oder einfach gebogene Hörner anzutreffen. Der lange bewollte Schwanz reicht bis zum Sprunggelenk, das Ende ist häufig geknickt.
Das Gesichtsfeld, der Bauch und die Füße sind in der Regel unbewollt. Das Vlies ist mischwollig und es kommen alle Wollfarben und Farbzeichnungen vor, vor allem auch graue Wollen.
Die Brunst ist asaisonal, eine zweimalige Lammung je Jahr ist möglich. Wegen der Frühreife kann die Erstzulassung im Alter von 7 bis 8 Monaten erfolgen. Aufgrund seiner Zutraulichkeit gut geeignet für die Haltung in kleinen Beständen.

Zuchtziel

Züchtung eines anpassungsfähigen, widerstandsfähigen, robusten Schafes für die rauen Lagen des Hochgebirges, mit ausgezeichneter Trittsicherheit, besten Muttereigenschaften, Langlebigkeit sowie hoher Fruchtbarkeits- und Aufzuchtleistung.

Leistungsangaben

Körper-Gewicht (kg) Vlies-Gewicht (kg) Ablammergebnis (%) Widerristhöhe (cm)
Altböcke 60 - 75 3,5 73 - 80
Jährlingsböcke 40 - 60 3,0
Mutterschafe 45 - 60 3,0 170 - 200 65 - 70
Jährlingsschafe 35 - 45 2,0
Die täglichen Zunahmen liegen bei Schlachtlämmern im Bereich von 200 - 250 g, das handelsübliche Lebendgewicht bei rund 35 bis 40 kg.

Zuchtbestand in Bayern

Herbuchbetriebe (Stand: 01.01.2012) 21 (Jahr 2010: 16 im Vergleich zu Jahr 2000: 3)
Herdbuch Tiere Gesamt (Stand: 01.01.2012) 460 (Jahr 2010: 426 im Vergleich zu Jahr 2000: 73)
Herdbuch Zuchtböcke 33
Herdbuch Mutterschafe 427
Weitere Informationen zur Rasse Alpines Steinschaf:

http://www.alpines-steinschaf.de Externer Link

Ein Almsommer

Die 2,5 ha große Kleinrechenbergalm bietet erfahrungsgemäß Futter für 15 bis 16 Schafe. Zu Beginn des Jahres werden die diesjährigen Almböcke ausgewählt:

Voraussetzungen für einen Almsommer sind:

  • Alter: 1 bis 1,5 Jahre alt
  • max. 2 Jungböcke pro Betrieb
  • pro Vatertier und Betrieb max. 1 Jungbock
  • pro Vatertier und Betrieb max. 1 Jungbock
  • die Züchter müssen sich aktiv am Projekt beteiligen.
Ende Mai liefern die jeweiligen Besitzer ihre Böcke an die LfL nach Grub. Hier gewöhnen sich die Böcke aneinander und klären Ihre Rangordnung, außerdem werden alle Tiere gewogen, entwurmt und bekommen die Klauen geschnitten.
Daten zur Kleinrechenbergalm
Größe: 2,5 ha
Höhenlage: ca. 1.400 m NN
Almsaison: ca. 12.06. bis 25.09.
Almeigentümer: Bayerische Staatsforste, Fortbetrieb Ruhpolding
Zugang: teilweise PKW, anschließend 45 Minuten Fußmarsch
Almhütte: vorhanden (nicht bewirtschaftet)
Einzäunung: vierlitziger Festzaun (Stromversorgung: Solarmodul)
Wasserversorgung: Quelle und Notkanister (1200 l)
Menschen beim Almabtrieb der Alpinen SteinschafherdeZoombild vorhanden

Almabtrieb

Mitte Juni findet dann der Almauftrieb statt. Die Züchter der Rasse Alpines Steinschaf fahren die Böcke dann von Grub per Anhänger Richtung Kleinrechenbergalm. Nach 100 km Autofahrt und einer Stunde Fußmarsch ist die Alm endlich erreicht – aber die Arbeit geht dann erst los: Zaunreparatur/-aufbau, Wasserkontrolle, Herrichten der Almhütte. Auch während der Almzeit übernehmen die Züchter abwechselnd Wochenenddienste, d.h. Tier- und Zaunkontrolle, Weidepflege, Hütteninstandhaltung und vieles mehr. Für die tägliche Kontrolle der Tiere wurde der Senn einer benachbarten Rinderalm gewonnen.
Produkte aus Wolle der Alpinen SteinschafeZoombild vorhanden

Wolle der Alpinen Steinschafe

Knapp 100 Tage später naht dann auch schon wieder der Almabtrieb – oft liegt bereits der erste Schneegeruch in der Luft, die Flächen sind abgegrast, die Tiere wieder in Brunftstimmung. Alle Züchter treffen sich am frühen Morgen und wandern hoch zur Alm. Eine Gruppe treibt die Tiere über die gesamte Strecke (ca. 3 h) ins Tal, die anderen machen die Alm „winterfest“. Im Tal, d.h. in Unterwössen bereiten noch weitere fleißige Helfer das Fest im Ort vor.
Gegen Mittag hat die Bockgruppe den Abstieg geschafft und wird feierlich begrüßt. Bei einer öffentlichen Körung und Versteigerung wird viel Wissenswertes an die Zuschauer vermittelt, außerdem findet die Mehrzahl der Böcke einen neuen Besitzer und der stete Blutaustausch ist garantiert. Natürlich werden aber auch Lammfleischspezialitäten und Wollprodukte verkauft.
Bei der Auktion 2012 wurden 11 Jungböcke versteigert zu einem Durchschnittspreis von 423 EUR. Der Spitztenbock erzielte stolze 700 EUR.

Erste Ergebnisse - auf der Fläche, bei Tier und Mensch

Nach drei Almsommern lassen sich inzwischen erste Ergebnisse feststellen.

Auswirkungen auf die Almfläche

  • Deutliches Zurückdrängen aufkommenden Fichtenaufwuchses
  • Verbesserung der Futtergrundlage
  • Erhalt der historischen Almgebäude
  • Erhalt der artenreichen Flora und Fauna, Zurückdrängen dominierender "Unkräuter" wie Brennessel, Alpenampfer, Rossminze

Auswirkungen auf die Schafe

  • Verbesserung der Fitness und Gesundheit
  • Zunahmen während Almsaison ca. 5 kg
  • Deutliche Zunahme der Bemuskelung

Wirkung auf die Menschen und die Region

  • Steigerung des Bekanntheitsgrades der Schafhaltung, besonders des Alpinen Steinschafes in der Region – vor allem bei Wanderern und Urlaubern
  • Überregionale Bekanntheitssteigerung der Schafalmhaltung durch Filme des BR (Unser Land)
  • Almabtrieb als bereits fest etabliertes Fest der Gemeinde im Jahresablauf
  • Bekannt machen der vielfältigen Schafwollprodukte sowie der Handspinngilde
  • Verbesserung des Lammfleisch-Image durch Lammgulaschverkauf
Trachtenumzug

Muskalisch begleiteter Almabtrieb

Kinder streicheln Schafe

Arterhaltung zum Anfassen

Kinder streicheln Schafe

Prämierung

Die Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL) dokumentiert im Rahmen ihres Endberichtes zum Projekt "Almen aktivieren" die Auswirkungen detailliert.

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