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Die Zukunft meistern!

Bayerische Schweinezucht setzt sich neue Ziele


Deutsche Landrasse - Eber

Kaum ein Markt im landwirtschaftlichen Bereich ist derart stark in Bewegung wie die Schweinezucht. In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Märkte für Zuchtschweine deutlich verändert. Traditionelle Herdbuchzuchtorganisationen haben sich ausländischen Zuchtunternehmen angeschlossen und jahrelang den Markt dominierende Unternehmen mussten drastisch sinkende Absatzzahlen in Kauf nehmen. Vor diesem Hintergrund konnte sich die EGZH Bayern recht gut behaupten, auch wenn die Zeiten wirtschaftlich nicht leicht waren.

Bereits seit Einführung der BLUP-Zuchtwertschätzung im Jahr 1995 überprüft die bayerische Schweinezucht in fünfjährigen Abständen, ob die Zuchtziele für Vater- und für Mutterrassen noch der aktuellen wirtschaftlichen Situation entsprechen. Die nächste Reform steht für 2010 an. Der Diskussionsprozess über das neue Zuchtziel hat bereits im Herbst 2008 begonnen. Nach mehreren internen Diskussionsrunden wurden am 22. April die Vorschläge für das neue Zuchtziel mit Vertretern der Besamung, der Ferkelerzeuger, Mäster und der Schlachtunternehmen diskutiert. Die neuen Zuchtziele wurde überwiegend sehr positiv aufgenommen und im Anschluss vom Beirat der EGZH einstimmig verabschiedet. Die Einführung der Zuchtziele wird nach der üblichen Vorlaufphase im Sommer 2010 erfolgen.

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Bestandsaufnahme

Jeder Zuchtzielsetzung geht immer eine Bestandsaufnahme voraus. Was wurde in den vergangenen fünf Jahren erreicht? Wie hat sich der Markt verändert? Welche Änderungen sind für die nächsten fünf Jahre absehbar?

Leistungsentwicklung

Abb. 1 und 2 zeigen die Leistungsentwicklung in den Merkmalen tägliche Zunahme und Fleischanteil in den Jahren 1997 bis 2008. Es wird erkennbar, dass ein deutlicher Leistungsanstieg stattgefunden hat. Dieser hat aber auf unterschiedlichen Niveaus stattgefun-den, je nachdem, wo man die Leistungen betrachtet. Die höchsten Zunahmen werden in den Prüfstationen erzielt. Deren Situation ist in den vergangenen 10 Jahren erheblich schwieriger geworden, was hauptsächlich auf die zunehmend schwierigere Hygienesituation zurückzuführen ist. Im Feld liegt der Fortschritt bei ca. 40 Gramm im Betrachtungszeitraum. Das absolute Niveau in Bayern kann sich sehen lassen, wie der Vergleich mit Baden-Württembergischen Ringergebnissen zeigt. Im Fleischanteil hat eine sehr starke Leistungsentwicklung stattgefunden. In der Stationsprüfung stieg der Fleischanteil (Hennessy) um fast 2 Prozentpunkte. Im Feld konnte davon nur ca. die Hälfte realisiert werden, was vor allem auf die deutlich angestiegenen Endgewichte (von 111 kg auf 117 kg) zurückgeführt werden muss.

Eine Betrachtung der genetischen Fortschritte bei Pietrainebern zeigt, dass seit 1997 ein erheblicher Zuchtfortschritt erzielt wurde. Den deutlichsten Fortschritt kann man im Fleischanteil, gefolgt von der Futterverwertung beobachten. Bei der Deutschen Landrasse wurde insgesamt mehr Zuchtfortschritt als bei Pietrain erreicht. Die Merkmale Zunahme, Futterverwertung und aufgezogene Ferkel haben sich relativ gesehen ungefähr gleich verbessert, beim Fleischanteil wurde deutlich weniger Fortschritt gemacht, was dem bisherigen Zuchtziel entspricht.

Vergleicht man die genetischen Trends mit der Leistungsentwicklung in der Praxis, treten einige Unterschiede zu Tage (Tab. 1). In den täglichen Zunahmen und der Fruchtbarkeit findet man eine gute Übereinstimmung, bei der Futterverwertung und dem Fleischanteil dagegen kommt in der Praxis nur die Hälfte des Zuchtfortschritts an. Dies ist zumindest teilweise auf die gestiegenen Endgewichte zurückzuführen.


Tabelle 1: Vergleich von genetischem Trend und Leistungsentwicklung in Ringbetrieben im Zeitraum 1997 bis 2008
Merkmal Praxis gen. Trend
tägl. Zunahme +39  +54 
Futterverw. +0,04  +0,11 
Fleischanteil +0,65  +1,0 
aufgez. Ferkel +0,8  +0,8 

Mitbewerber

Die Marktposition der Mitbewerber spielt für die Ausrichtung der eigenen Zuchtpolitik immer eine bedeutende Rolle. In den vergangenen zwei Jahren sind vor allem dänische Mastschweine zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz geworden. In einer Auswertung von Ringergebnissen durch das Institut für Tierzucht der LfL zeigte sich, dass die dänischen Mastferkel eine sehr hohe genetische Veranlagung für tägliche Zunahmen haben. Sie erreichten Zunahmen von 854 g/d, während die Dreirassenkreuzung nur 716 g/d erzielte. Im Gegenzug schlugen die Dreirassenkreuzungen die dänischen Ferkel beim Fleischanteil um 1,6% und in den Verlusten um 0,8%. Auch zeigten sie eine bessere Ausschlachtung. Ökonomisch gesehen war die Dreirassenkreuzung überlegen. Geht man allerdings von gleichen Verlusten und gleichen Ferkelpreisen aus, ergäbe sich ein Gleichstand. Beim Vergleich derart unterschiedlicher Herkünfte ist immer die Preissituation zu beachten. Bei hohen Futter- und Mastschweinepreisen haben Herkünfte mit hohen Zunahmen, guter Futterverwertung und mittlerem Magerfleischanteil Vorteile. Dies war z.B. im Winter 2007 der Fall. Sind dagegen die Preise schlecht, dann wirkt sich ein hoher Fleischanteil prozentual viel stärker aus und kann den Unterschied zwischen einem positiven oder einem negativen Deckungsbeitrag ausmachen.

Für viel Aufsehen sorgte auch der Warentest in Haus Düsse. Dort wurden neben anderen Herkünften dänische Sauen in Anpaarung mit einem Pietraineber getestet, ein Produkt, das in Bayern derzeit kaum erhältlich ist. In diesem Vergleich lag die DanZucht in der täglichen Zunahme um ca. 65 g/d und in der Futterverwertung um ca. 0,1 vorne. Im Fleischanteil waren alle geprüften Herkünfte mehr oder weniger gleich. Überragend war auch die Fruchtbarkeitsleistung der dänischen Sau mit ca. einem aufgezogenen Ferkel mehr gegenüber dem Hauptfeld. Bei der Beurteilung der Ergebnisse für den eigenen Betrieb muss man jedoch das Niveau des Vergleiches im Auge behalten. Im Warentest wurden im Durchschnitt über alle Herkünfte Zunahmen von 886 g/d bei 58,5% Magerfleischanteil erzielt. Dieselben Genetiken erzielen unter Praxisbedingungen in Westfalen aber nur Zunahmen von 731 g/d bei 56,6% Magerfleischanteil (Westf. Erzeugerringauswertungen, 2007). Insbesondere ein Magerfleischanteil von 56,6% ist in Bayern derzeit noch ein Hemmnis für eine erfolgreiche Vermarktung der Mastschweine.

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Zuchtziele

Die BLUP-Zuchtwertschätzung ermöglicht heute auch die Bearbeitung von Merkmalen, die früher wegen zu niedriger Erblichkeit vernachlässigt wurden. Allerdings setzt auch sie eine breite, rechtzeitige und umfassende Leistungsprüfung voraus. Neu hinzugekommen sind in der jüngeren Vergangenheit die Fruchtbarkeitsmerkmale, Exterieur, Gesundheitsmerkmale und der Genusswert. Auch Verhaltensmerkmale wie die Mütterlichkeit werden inzwischen vereinzelt bearbeitet. Allerdings ist zu beachten, dass bei einer Verteilung des Selektionsdrucks auf mehr Merkmale der Fortschritt in jedem Einzelmerkmal geringer wird. Dies gilt umso mehr, wenn die genetischen Beziehungen der verschiedenen Merkmale so sind, dass sie sich in der Selektion gegenseitig behindern.

Für die Ableitung des Zuchtziels 2010 ist die Einschätzung der Lage im Jahr 2015 maßgebend, denn die züchterischen Entscheidungen von heute zeigen erst in ca. fünf Jahren sichtbare Auswirkungen in der Praxis. Folgende Thesen kann man zur Diskussion stellen:

  • Die Bedeutung des Fleischanteils wird tendenziell abnehmen. Er hat in den vergangenen Jahren bereits relativ an Wert verloren und je höher das Niveau wird, desto geringer wird seine Bedeutung. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass radikale Maskenwechsel schon lange vorhergesagt werden, aber bisher nicht eingetreten sind. Im Zuge des Strukturwandels bei Schlachtunternehmen ist aber mit Anpassungen nach unten zu rechnen.
  • Die Futterverwertung wird in ihrer Bedeutung gegenüber dem Zuchtziel 2005 nur leicht steigen. Der drastische Anstieg 2007/08 war scheinbar nur ein Strohfeuer. Mit steigendem Wohlstand auf der Welt wird aber die Konkurrenz um Futtermittel stärker. Schwer einzuschätzen ist, ob eine Ablehnung von GVO-Sojaschrot zu Kostensteigerungen führen wird.
  • Die tägliche Zunahme behält ihren Wert, solange der Deckungsbeitrag der Schweinemast positiv ist. Sie hat vor allem den Vorteil, dass sich der Nutzen aus einer erhöhten Zunahme praktisch unbegrenzt steigern lässt.
  • Die Fruchtbarkeit ist das entscheidende Merkmal für den Ferkelerzeuger, aber nicht für den Mäster. Ihre Verbesserung krankt in erster Linie an einer schwachen Datengrundlage. Dies kann auch durch eine höhere Gewichtung im Zuchtziel nur teilweise ausgeglichen werden.
  • Die Fleischqualität dient in erster Linie der Sicherung von Marktanteilen. Deutschland bewegt sich im Fleischkonsum an der Sättigungsgrenze. Bei mangelhafter Qualität neigt der Verbraucher rasch zur Abwanderung in andere Fleischarten. Günstig ist, dass die Zucht auf Fleischqualität die Zucht auf die anderen Merkmale kaum behindert, wenn man von der MHS-Problematik absieht.

Auf der Basis dieser Überlegungen wurden die Zuchtziele 2010 abgeleitet, die in Tab. 2 zusammengefasst werden. Bei den Vaterrassen wurden die Gewichte der täglichen Zunahme und der Futterverwertung deutlich angehoben. Alle anderen Merkmale blieben gleich. Das Ziel war, den Anstieg des Fleischanteils langsam zu reduzieren und dafür mehr Spielraum im Wachstum zu gewinnen. Bei den Mutterrassen dagegen wird ein radikaler Schnitt gemacht. Da der Fleischanteil in den vergangenen Jahren immer noch stark gestiegen ist und viele Praktiker befürchten, dass darunter die Stabilität der Sauen leidet, wurden Fleischanteil, pH-Wert und intramuskuläres Fett aus dem Zuchtziel entfernt. Selbstverständlich werden aber weiterhin Zuchtwerte für diese Merkmale geschätzt, um Fehlentwicklungen rechtzeitig erkennen zu können.


Tabelle 2: Vergleich der Zuchtziele 2005 und 2010 für Vater- und Mutterrassen
Merkmal Vaterrassen
2005
Vaterrassen
2010
Mutterrassen
2005
Mutterrassen
2010
tägl. Zunahme 0,06  0,10  0,15  0,10 
Futterverw. 14,50  30,00  14,50  10,00 
Fleischanteil 1,03  1,03  1,03   
Bauchfleischanteil 1,03  1,03     
pH-Wert 7,66  7,66  7,66   
intramuskuläres Fett 9,11  9,11  15,00   
leb. geb. Ferkel     5,00  10,00 
aufgez. Ferkel     10,00  20,00 
Sülpzitzen     0,07  0,45 

Zuchtziele lassen im allgemeinen nicht unmittelbar erkennen, welche Auswirkungen sie auf den Zuchtfortschritt haben werden. Das liegt daran, dass die Merkmale gegenseitig voneinander abhängig sind. Zur Verdeutlichung der Auswirkungen zeigt Tab. 3 die Zuchtwertdifferenzen zwischen dem besten und dem schlechtesten Viertel der aktuellen Eber, jeweils nach dem neuen und dem alten Zuchtziel. Bei den Vaterrassen wird der Druck auf die tägliche Zunahme und die Futterverwertung deutlich erhöht, dafür werden etwas geringere Fortschritte im Magerfleischanteil in Kauf genommen. Dennoch wird Pietrain weiterhin eine positive Entwicklung im Magerfleischanteil zeigen.

Bei den Mutterrassen wird vor allem der unerwünschte Anstieg des Fleischanteils auf Null gestellt. Der deutlich erhöhte Druck auf die Fruchtbarkeit bedingt jedoch auch einen geringeren Fortschritt in der Wachstumsleistung. Bei beiden Rassegruppen wird sich die Fleischqualität nach wie vor positiv entwickeln.


Tabelle 3: Vergleich der Zuchtwertdifferenzen des alten und des neuen Zuchtziels bei Vater- und Mutterrassen
Merkmal Vaterrassen
2005
Vaterrassen
2010
Mutterrassen
2005
Mutterrassen
2010
tägl. Zunahme 36  48  82  41 
Futterverw. 0,10  0,11  0,16  0,04 
Fleischanteil 1,0  0,6  1,7  -0,1 
Bauchfleischanteil 1,4  0,9     
pH-Wert 0,05  0,05  0,02  0,02 
intramuskuläres Fett 0,06  0,05  0,26  0,11 
leb. geb. Ferkel     0,9  1,3 
aufgez. Ferkel     0,7  1,0 
Stülpzitzen     -2,8  -1,6 

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Sonstige Änderungen

Auch sonst wird sich einiges in der Zuchtwertschätzung verändern. Die beiden Prüfanstalten wurden in den vergangenen fünf Jahren komplett auf die tiergerechte Haltung in Gruppen zu zwölf Tieren mit Abruffütterung am Automaten umgestellt. Damit wird die Haltung praxisgerechter und es wird erstmals möglich, die Futterverwertung tierindividuell zu erfassen. Diese Änderungen bedingen auch Änderungen im Zuchtwertschätzmodell. Zusammen mit einigen weiteren Modellpflegemaßnahmen wird dies zu einer weiteren Verbesserung der Zuchtwertschätzung führen. Allerdings wird dies auch Auswirkungen auf den Produktionswert der Besamungseber zeigen. Zwar wird die Formel an sich nicht geändert, durch die Modelländerungen kommt es aber zu Veränderungen der Zuchtwerte.

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Fazit

Mit dem neuen Zuchtziel wird die bayerische Schweinezucht wieder auf den neuesten Stand gebracht. Hierbei bleibt das typisch bayerische Leistungsprofil mit einer starken Betonung des Magerfleischanteils erhalten, aber im Fruchtbarkeitsbereich wird der Abstand zur Konkurrenz verkürzt. Dass Erfolge möglich sind, zeigt die Leistungsentwicklung in den Ringbetrieben des LKV. Diese haben in den vergangenen 4 Jahren die Zahl der aufgezogenen Ferkel pro Jahr um 1,1 Ferkel gesteigert. Wenn es gelingt, diese Entwicklung noch zu beschleunigen, bleibt das bayerische Mastschwein auch weiterhin konkurrenzfähig.

Abb. 1: Entwicklung der täglichen Zunahme auf der Station in Bayern sowie in Ringbetrieben Bayerns und Baden-Württemberg

Abb. 1: Entwicklung der täglichen Zunahme auf der Station in Bayern sowie in Ringebetrieben Bayerns und Baden-Württemberg.


Abb. 2: Entwicklung des Fleischanteils auf der Station in Bayern sowie in Ringebtrieben Bayerns und Baden-Württemberg

Abb. 2: Entwicklung des Fleischanteils auf der Station in Bayern sowie in Ringbetrieben Bayerns und Baden-Württemberg

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Juni 2009
Dr. Kay-Uwe Götz, Dr. Jörg Dodenhoff
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
Institut für Tierzucht
Tel.: 089/99141-100 • Fax: 089/99141-199