LfL-Jahresbericht 2017
Digitale Transformation: Von Bildung bis Behördengang

Fisch im Wasser

Die Online-Fischerprüfung dient als Vorbild des Bayerischen e-Governments

Alles begann mit überfüllten Turnhallen und Veranstaltungsräumen, in denen bayerische Angler ihre staatliche Fischerprüfung ablegen mussten. Wären die nicht aus allen Nähten geplatzt, hätten die Behörden heute nicht jene Netz-Infrastruktur, die tausende Bürger ganz selbstverständlich nutzen. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) ist mit der Abnahme der Fischerprüfung beauftragt und hat ein System entwickelt, das Online-Prüfungen in großer Anzahl ermöglicht. Was mit der digitalen Transformation für eine enge Zielgruppe begann, hat sich als technische Revolution für alle staatlichen Einrichtungen entwickelt. „Wir bieten heute rund ums Jahr Prüfungen an. Zudem unterstützen wir dabei auch lese- und rechtschreibschwache sowie anderssprachige Bürger“, sagt der LfL-Fischerei-Experte Dr. Eberhard Leuner. Er teilt nicht nur sein Wissen über Dorsch und Dorade, sondern auch über Digitales.

Online statt Herkulesaufgabe

Rund 10.000 Prüfungen nimmt die LfL jedes Jahr seit 1971 im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ab. Genauer gesagt sind es 10.000 Mal 60 Fragen in 60 Minuten, die verarbeitet werden müssen. Noch bis vor wenigen Jahren haben das die Mitarbeiter der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mithilfe der Fischereivereine erledigt. Eine organisatorische Herkulesaufgabe. Heute finden die Prüfungen online in Klassengröße statt: Künftige Angler oder Anglerinnen sitzen vor einem Computer und beantworten die ihnen gestellten Fragen auf einer Online-Plattform. Die Auswertung erfolgt voll automatisch. Nur der Fischereischein selbst ist nicht digital – der wird weiterhin von den Behörden ausgestellt und persönlich ausgehändigt. Es scheint, als wollen diese offiziellen staatlichen Dokumente der Digitalisierung trotzen. Dabei haben sich die ausstellenden Behörden grundlegend gewandelt.

Im Fischerei-Kosmos werden digitale Behördengänge erprobt

Sicher bleibt das papierlose Amt eine Utopie, das persönliche Gespräch unersetzlich. Aber durch die Wegbereitung der LfL für ein digitales Prüfungswesen konnten die Behördenprozesse um ein Vielfaches vereinfacht werden. Alles begann im Jahr 2002. Die damalige Landesregierung will den Wandel nicht verpassen, sucht Anschluss an den digitalen Fortschritt. Zudem gilt es, Bearbeitungsengpässe in den staatlichen Einrichtungen zu beseitigen, gesamte Prozesse zu vereinfachen. Nur der große Wurf gelingt nicht auf Anhieb. Es ist die LfL mitsamt ihren Fischereischein-Anwärtern, die zur Testgruppe auserkoren wird. Ein in sich geschlossener Kosmos, mit dem neue Online-Abläufe, sichere Kommunikationswege, digitale Prüfungsformate und damit auch digitale Behördengänge erprobt werden. Nach zehn Jahren Test- und Forschungsarbeit geht das System 2012 erstmals online. Gleichzeitig das Geburtsjahr des Bayerischen E-Gouvernments, wie wir es heute kennen.

Zu neuen Ufern: Die Digitalisierung der Bildung mitgestalten

Heute ist die digitale Kommunikation zwischen Behörden, Bürgern und Unternehmen keine Besonderheit mehr. So ziemlich alles lässt sich online erledigen. Grundlage ist immer eine sichere Verbindung. Bei Fischerprüfungen genauso wie bei Banküberweisungen. Alles das ist möglich. Jetzt heißt es, Kurs nehmen und zu neuen Ufern aufbrechen: Der Blick ist auf die Digitalisierung der Bildung gerichtet. Und wieder ist die LfL gefragt. „Für unsere Fischerprüfung sind über 1.000 Fragestellungen zu lernen, durchschnittlich 89 Prozent der Teilnehmer bestehen. Das ist gut, aber wir wollen natürlich, dass auch die anderen es schaffen.“ Dabei sollen in Zukunft vorhandene Offline-Materialien nicht nur eins zu eins ins Digitale kopiert werden. „Es geht darum, die Inhalte nach modernsten didaktischen Erkenntnissen und den Anforderungen der Digitale Natives aufzubereiten“, sagt der LfL-Experte. Das bedeutet: Für moderne E-Learning-Schulungsmaterialien müssen die Themenbereiche Fischkunde, Gewässerkunde, Gewässerschutz, Rechtskunde, Fischerei-Praxis und die Behandlung gefangener Fische neu aufbereitet werden.

Bildung selbst in die Hand nehmen und das Vereinsleben stärken.

Digitales Lernsystem ist eine didaktisch sinnvolle Ergänzung.

Der artgerechte Umgang mit Fischen muss den höchsten Tierschutzstandards genügen.

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Großes Potenzial: Video-Tutorien vermitteln praktische Erfahrungen

Neben der umfassenden Theorie steht auch bei den Fischern Praxis-Kunde hoch im Kurs. „Natürlich muss ich wissen, welche Angelrute, welche Schnur und welche Hakengröße für den Fang welcher Fische zu benutzen sind. Grundlegend wichtig ist, wie die Fanggeräte vorschriftsmäßig zusammenzubauen sind. Die Behandlung der gefangenen Fische ist für uns ein ebenso wichtiges Thema, das immer den höchsten Tierschutzstandards genügen muss“, so Leuner. Deshalb könne gerade den jungen Anglern gar nicht genug Praxis-Erfahrung mit auf den Weg gegeben werden. Hier sieht Leuner großes Potenzial für ergänzende Video-Tutorien. „Mit dem Bayerischen Landwirtschaftsministerium und dem Landesfischereiverband haben wir uns 2017 beraten, inwieweit eine Lehr- und Lernplattform für die Ausbildung der angehenden Fischer in Zukunft eingesetzt werden kann.“ Im Mittelpunkt der Beratungen standen aber nicht nur technische Möglichkeiten. Vielmehr ging es auch darum, mit dem Angebot das aktive Vereinsleben und die Gemeinschaft in Bayern zu stärken.

Technik soll für ein gestärktes Vereinsleben in Bayern sorgen

„Wir haben uns mit der Online-Fischerprüfung nicht nur Freunde gemacht“, gesteht Leuner ein. „Gerade ältere Aktive in den Vereinen fühlten sich übergangen, kamen mit der neuen Technik nicht immer gleich klar.“ Technische Pannen in der Einführungsphase bestärkten die Kritiker des Online-Verfahrens. Dieser Unmut habe sich jedoch mittlerweile gelegt. Man wolle aber verhindern, dass bei einer nächsten Transformationsstufe wieder Menschen zurückbleiben. „Wir wollen auch nicht, dass am Ende ein oder zwei Großunternehmen das digitale Bildungswesen unter ihren Fittichen haben. Wir in Bayern wollen Bildung selbst in die Hand nehmen und damit das Gemeinwohl und das Vereinsleben stärken“, sagt Leuner.
Wie das gehen soll? Ganz einfach: Die digitale Unterstützung soll dort ansetzen, wo es schon jetzt Probleme gibt. Zum Beispiel bei mehrsprachigen Bildungsangeboten. So wie es die Fischerprüfung auch auf Englisch, Russisch oder mit Audio-Unterstützung gibt, so können auch andere Angebote unkompliziert übersetzt werden. Menschen in entlegenen Regionen hätten Zugriff auf hochwertiges Bildungsmaterial. Damit kann der komplexe Lernstoff zu jeder Zeit vertieft werden – jeder hat einen anderen Biorhythmus. „Für den Austausch von praktischen Erfahrungen, für Besprechungen oder die Prüfung in Gruppen brauchen wir aber auch in Zukunft den direkten Kontakt. Egal ob in der Schule, der Uni oder im Verein.“

Grundlagen der Transformation: Geld, Zeit und Willen der Politik

Eberhard Leuner weiß: „Ein digitales Lernsystem ist eine didaktisch sinnvolle Ergänzung zur Präsenzausbildung unserer künftigen Angelfischer. Neben finanziellen Mitteln und ausreichend Zeit für die Umsetzung sieht die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft vor allem die Politik in der Pflicht, die ehrgeizigen Digital-Ziele zu unterstützen. LfL-Experte Eberhard Leuner sieht sich bescheiden als ein Rädchen im Getriebe der Transformation. Für ihn bleiben Dorsch, Dorade und damit das gesamte Fischereiwesen eine beständige Herzensangelegenheit: Für ihn die beste Grundlage, um den digitalen Wandel in Bayern voranzutreiben.
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