Tierzüchtung
Bayern entwickelt Verfahren zur Genomischen Zuchtwertschätzung gegen Ebergeruch

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Die Ebermast steht derzeit mit der Novelle des Tierschutzgesetzes als eine vielversprechende Alternative zur konventionellen Kastration hoch im Kurs. Ein Problem neben Fütterungs- und Haltungsfragen stellt hierbei sicherlich die Gefahr von Geruchsabweichungen des Schweinefleisches von Mastebern dar.

Eine elektronische Nase, welche geruchsauffällige Schlachtkörper automatisiert am Schlachtband erkennen kann, ist derzeit nicht in Sicht. Selbst bei der Humansensorik, bei der professionelle menschliche „Schnüffler“ die Eberschlachtkörper beurteilen, haben die Schlachtunternehmen keine einheitlichen Kriterien und Standards. Hier gibt es verschiedenste Methoden: Vom Erhitzen des Schlachtkörpers mit dem Lötkolben oder auch von kleinen Speckstückchen in der Mikrowelle bis hin zur Beurteilung des Schlachtkörpers ohne jegliche Vorbehandlung. Die Wiederholbarkeit bei der humansensorischen Beurteilung scheint jedoch relativ niedrig zu sein. Für züchterische Zwecke bieten sich aber auch andere Kriterien mit einer besseren Wiederholbarkeit und Standardisierbarkeit an. Es ist bekannt, dass für den sogenannten Ebergeruch maßgeblich drei Substanzen verantwortlich sind: Androstenon, Skatol und Indol. Dies hat sich die bayerische Schweinezucht in ihrem Projekt „Geruchsoptimierung durch Genomische Selektion (GOGS)“ zu Nutze gemacht.
Bei diesem Projekt handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Bayern-Genetik GmbH, des Besamungsvereins Neustadt/Aisch, der EGZH, der Tierzuchtforschung e.V., dem Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und dem Institut für Tierzucht (ITZ) der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Ziel ist es, eine genomische Schätzformel gegen Ebergeruch zu entwickeln. Die praktische Durchführung des Projektes erfolgte durch das ITZ, die Analytik der erwähnten Substanzen durch den TGD Bayern. Da jedoch die Analytik im Routinebetrieb sehr teuer und zeitaufwändig ist, war es Ziel dieses Projektes, sich der Methodik der Genomischen Selektion zu bedienen. Hierzu konnten die Erfahrungen der LfL-Experten sowie von Dr. Stefan Neuner (BVN) aus der Einführung der genomischen Selektion in der Rinderzucht genutzt werden. Ziel der Genomischen Selektion bzw. Zuchtwertschätzung ist es, die Verknüpfung zwischen bestimmten Bereichen auf dem Erbgut (Genom) mit phänotypischen Merkmalen herzustellen, d.h. sich der genomischen Information zum Zwecke der Zuchtwertschätzung zu bedienen.
Speckproben für die Analytik von Androstenon, Skatol und IndolZoombild vorhanden

Speckproben für die Analytik von Androstenon, Skatol und Indol

Um diese Verknüpfung herstellen zu können, benötigt man zunächst einmal Tiere mit phänotypischen Merkmalen. Dazu wurden an den Leistungsprüfungsanstalten für Schweine in Grub und Schwarzenau knapp 500 Nachkommen (Kreuzungseber aus Pi x DL) von bayerischen Besamungsebern der Rasse Piétrain gemästet. Nach der Schlachtung wurden Proben aus dem Nackenspeck dieser Eber entnommen und auf deren Gehalte an Androstenon, Skatol und Indol analysiert (siehe Bild).
Die für diese Merkmale geschätzten Erblichkeitsgrade (Heritabilitäten) lagen mit 0,47 bis 0,60 in einem hohen bis sehr hohen Bereich (siehe Tabelle 1). Dies weist darauf hin, dass die Merkmale züchterisch sehr gut zu bearbeiten sind. Diese Prüftiere wurden zusätzlich mit einem 60 k-Chip der Firma Illumina genotypisiert, so dass eine genomische Schätzformel für die Leitmerkmale des Ebergeruchs entwickelt werden konnte.
Tabelle: Erblichkeiten für die Merkmale Androstenon, Skatol und Indol und Sicherheiten der genomischen Zuchtwerte (NEUNER 2013, Besamungsverein Neustadt/Aisch)
Merkmal Heritabilität Sicherheit der genomischen Zuchtwerte
Androstenon 0,60 28,7 %
Skatol 0,50 25,6 %
Indol 0,47 24,6 %
Entscheidend ist jedoch, welche Ergebnisse bei der Genomischen Zuchtwertschätzung für genotypisierte Besamungseber (Kandidaten) erzielt werden könnten. Dies wurde mit Hilfe von genotypisierten Prüftieren, die die Prüfung nicht abgeschlossen hatten und von denen somit keine Analytikergebnisse vorhanden waren, überprüft: Wie in der Tabelle dargestellt, wurden Sicherheiten für die genomischen Zuchtwerte für Androstenon, Skatol und Indol von 24,6 bis knapp 29 Prozent ermittelt. Das heißt, man kann die Zuchtwerte für diese Parameter bei einem Piétraineber lediglich auf Grund der genomischen Information ohne jegliche Leistungsprüfung mit einer Sicherheit schätzen, welche etwa der Sicherheit des vorgeschätzten Gesamtzuchtwertes von Prüfebern entspricht. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass die Eltern der Prüfeber bereits in den Merkmalen der Mast- und Schlachtleistung einer Leistungsprüfung unterzogen wurden, bei den Geruchsparametern jedoch noch keinerlei Information vorliegt. Unter diesem Gesichtspunkt und unter Berücksichtigung der doch relativ kleinen Kalibrierungsstichprobe sind die Ergebnisse hoch erfreulich, so dass in Bayern ab sofort Besamungseber ausgewiesen werden können, bei deren Nachkommen besonders niedrige Werte für Androstenon, Skatol und Indol zu erwarten sind. Die Gefahr, geruchsauffällige Schlachtkörper von Ebern am Haken zu haben, wird somit deutlich verringert.
Auch aus der Sicht der Leistungsprüfung ist das Verfahren zu begrüßen, denn es bedarf keiner grundsätzlichen Umstellung des Prüfschemas und Kosten für die chemische Analyse von Ebergeruchsstoffen fallen nur in geringem Umfang an. Mit einer zunehmenden Zahl genotypisierter Besamungseber wird sich eine umfangreiche Kalibrierungsstichprobe aufbauen, die eine Übertragung des Verfahrens auch auf die restlichen Leistungs- und Qualitätsmerkmale ermöglichen wird. Erste Berechnungen des ITZ ergeben, dass sich die hierfür notwendigen Kosten mittelfristig durch einen effizienteren Eberankauf bzw. Eberprüfung weitgehend wieder einsparen lassen.

Ausblick

Dass die Genomische Selektion auch in der Schweinezucht viel Potential hat, zeigen Projekte wie GOGS oder FrOGS (FruchtbarkeitsOptimierung durch Genomische Selektion). Die bayerische Schweinezucht vertritt geschlossen die Meinung, dass dieses Verfahren für beide Rassengruppen in den Routinebetrieb eingeführt werden muss. Dies stellt eine wichtige Stellschraube dar, um die Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Zuchtprodukte auch in Zukunft sichern und insbesondere bei Merkmalen mit geringer Erblichkeit wie Erbfehlern oder Fruchtbarkeit noch höhere züchterische Erfolge erzielen zu können.
Auch in Punkto Ebergeruch werden mit der Einführung der Genomischen Selektion in den Routinebetrieb noch weitere Fortschritte erzielt und die Sicherheiten der Genomischen Zuchtwerte erhöht werden. Es ist geplant, die bayerischen Daten in naher Zukunft gemeinsam mit Daten aus anderen deutschen und europäischen Projekten auszuwerten. Auch hiervon erwarten wir uns eine weitere Steigerung der Sicherheit der genomischen Zuchtwerte.

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