Schmerzarmes Veröden der Hornanlage beim Kalb

Hintergrund für dieses Projekt ist die Suche nach tiergerechten Lösungen für eine praktikable Enthornung. Erste Erfahrungen aus einer Vorstudie des Tiergesundheitsdienstes mit unterschiedlichen Medikationen sind vielversprechend.

Ziele

  • Evaluierung eines für den Landwirt durchführbaren Schmerzmanagements, dass die Schmerzen während und nach dem Eingriff der Enthornung bei den Kälbern reduziert
  • Herausfinden der geeigneten Medikation: Unterschiedliche Kombinationen von Sedieren, Lokalanästhesie und Verabreichung eines Schmerzmittels
  • Auswirkung der Medikation und der Enthornung auf das Tier: Verhaltensbeobachtung, Cortisol- und Herzfrequenzmessungen, Erfassung der Tränkeaufnahme und des Gesundheitsstatus der Kälber
  • Feststellen des geeigneten Zeitpunkts der Enthornung: je nach Kälberalter und -rasse sowie Enthornungsgerät unterschiedlich?
  • Praktische Umsetzung/Erstellung von Informationsmaterial
  • Erarbeiten von Empfehlungen für die Praxis

Frust und Freude in der Hornloszucht

Zuchtbulle Ralmesbach auf einer WieseZoombild vorhanden

Zuchtbulle Ralmesbach

Im Jahr 2013 ging mit Ralmesbach einer der umstrittensten Stiere der vergangenen Jahre von der Bühne. Trotz seiner Schwächen im Eutersitz ist er ein Meilenstein der Fleckviehzucht, da er als erster Stier hornlose Kühe mit konkurrenzfähiger Milchleistung brachte. Gezüchtet wurde er von der Lehr- und Versuchsanstalt Almesbach, welche mittlerweile Teil der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft ist.
In den 90er Jahren gelangten im Rahmen eines Embryotranfers von der Landesanstalt für Tierzucht in Grub die ersten hornlosen Tiere in die Milchviehherde nach Almesbach. Es waren gefällige Tiere mit schwachen Eutern und noch schwächerer Milchleistung. Um die Leistung zu verbessen, versuchte man, mittels Embrotransfer mit gehörnten Spitzenbullen bessere hornlose Kühe zu produzieren, allerdings mit wenig Erfolg: den interessantesten Kälber wuchsen Hörnern. Dieser Rückschlag ließ das Interesse an dem Projekt zunächst erlahmen.

Motivationsgründe zum anstrebenswerten Ziel "Hornlosigkeit"

Als um das Jahr 2000 die BSE-Krise aufflammte und in Regensburg ein Tierschutzverein sich auf die Fahnen schrieb, die Enthornung von Rindern zu verbieten, da dies als Ursache für den Rinderwahn vermutet wurde, erweckte dies das Interesse an der Hornloszucht in Almesbach zu neuem Leben.
Im Rahmen des jährlichen Zucht- und Fruchtbarkeitsseminars an der Höheren Landbauschule, welches alljährlich von Dr. Knut Springmann von der Besamungsgenossenschaft Marktredwitz durchgeführt wurde, war das Thema „Hornlosigkeit“ Gesprächsstoff in der Mittagspause. In Marktredwitz stand zu der Zeit mit „Ramhorn“ der Stier mit dem höchsten Milchwert unter den hornlosen Vererbern, wenn auch mit miserablen Eutern. Aber über den Großvater „Rambo“ war eine sichere Milchleistung zu erwarten. Es wurde entschieden, einige Samenportionen für den Betrieb zu bestellen. Der Einsatz traf jedoch aufgrund der Euterzuchtwerte auf Widerstand von Seiten der Melker, welchen den Samen nur für Nachbesamungen einsetzten.
Zum Glück haben auch Spitzenkühe ab und an ein Fruchtbarkeitsproblem, so dass unter andern auch Laura, eine umsatzbetonte, leistungsstarke Malf-Tochter mit sehr gutem Euter im Dezember 2001 ein hornloses Bullenkalb brachte. Dieses wurde zunächst ohne besondere züchterische Ambitionen in der Bullenmast mit aufgestellt. Das Tier entwickelte sich sehr gut und auch die Leistung der Mutter überzeugte in der folgenden Laktation. Beim HLS-Fruchtbarkeitsseminar im Jahr 2002 wurde wieder in der Mittagspause mit Dr. Springmann der Bulle und seine Mutter besichtigt. Dr Springmann ließ sich überzeugen und so ging der Stier in die Besamung. Natürlich beteiligte sich der Betrieb Almesbach am Prüfeinsatz und hatte ab 2005 mit die ersten Töchter im damals neuen Stall. Die Tiere zeigten sehr gute Leistungen und konnten mit den Töchtern von Spitzenstieren wie Weinold mithalten. Die Euter waren sicher nicht überdurchschnittlich, aber gut brauchbar: Keine der Kühe ging wegen Euterproblemen ab. Durch diese positiven Erfahrungen bestärkt, setzten wir auch andere mischerbig hornlose Prüfbullen etwas breiter ein.

Tatsachen und Schwierigkeiten

Allerdings ist eine Sache in der Hornloszucht frustrierend: Anders wie bei den meisten züchterisch zu bearbeitenden Merkmalen wie Leistung und Exterieur, bei denen mit jeder Generation wenigstens Teilerfolge erzielt werden, geht es bei der Zucht auf das Merkmal „Hornlosigkeit“ immer um „Alles oder Nichts“. Entweder bekommt das Tier Hörner oder keine (von der Zwischenstufe Wackelhörner mal abgesehen). So mussten wir auch in Almesbach die Erfahrung machen, dass aus zwei mischerbigen hornlosen Eltern doch wieder ein gehörntes Tier geboren wurde. Man fiel wieder auf „Null“ zurück, fängt wieder ganz von vorne an. Dies und die oft damit eingegangenen Kompromisse bei den anderen Merkmalen muss man wegstecken können.
Um im eigenen Betrieb einen bleibenden Erfolg erzielen, reicht es nicht, nur ab und zu hornlose Stiere einzusetzen. Will man sich langfristig die Arbeit des Enthornens sparen, im eigenen Bestand merklich etwas in dieser Richtung bewegen, sollten wenigsten 25 % hornlose Vererber eingesetzt. Mit den noch raren reinerbig hornlosen Stieren geht es etwas schneller voran.
Bis 2012 war ein solch breiter Einsatz noch schwierig. Es gab kaum gute, geprüfte Vererber und der breit gestreute Einsatz von Prüfbullen mit geringen Sicherheiten im Zuchtwert war das Mittel der Wahl. Bullen wie Valero gingen als Prüfbullen mit einer geringen Sicherheit im Zuchtwert in einen relativ breiten Einsatz. Natürlich gab es dabei auch immer wieder Enttäuschung.

Erfolgsaussichten

Mit der Einführung der genomischen Zuchtwertschätzung änderten sich die Voraussetzungen. Schnell wurde ein breites Spektrum an genomischen Jungvererbern verfügbar. Die Zucht steht auf einer mittlerweile breiten Basis, und diese erweitert sich Jahr für Jahr. Interessante hornlose Stiere erzielen bei Auktionen Spitzenpreise. Jeder Züchter, der etwas auf sich hält, hat mittlerweile natürlich hornlose Tier bei sich im Stall stehen. Es ist abzusehen, dass in einigen Jahren für gehörnte Vererber kein Markt mehr vorhanden ist.
Mit der Zucht auf natürliche Hornlosigkeit kommen die Landwirte nicht nur den Wünschen von Verbrauchern und Tierschützern entgegen, möglichst keine schmerzhaften Eingriffe am Tier vorzunehmen. Sie sparen sich auch eine Maßnahme ein, die Arbeit verursacht, termingebunden zu erledigen ist, und wenig Spaß macht.

Kosten der Enthornung beim Kalb

  • Mit Sedierung und Schmerzmittel – 15 Minuten Arbeitszeit (3 €) + 8 € Medikamente
  • Mit Tierarzt und Betäubung* - 15 Minuten Arbeitszeit (3 €) + 25-35 € Tierarztkosten

Theorie und Praxis produktiv vereint

Das Beispiel „Ralmesbach“ zeigt, dass an praxisorientierten Bildungseinrichtungen wie Almesbach neben dem Bildungsauftrag auch ganz konkrete Ergebnisse erzielt werden können. In den 80er funktionierte das auch schon im Bereich der Schweinezucht: Bei einem Lehrgang mit Studenten stellt der damalige Fachlehrer Herfried Steidl zufällig mit dem damals gängigen Halothantest fest, dass einige seiner Pietrain-Tiere weniger oder gar nicht auf den Stress-Test ansprachen. Was folgte, war die Umzüchtung der Rasse Pietrain auf Stressstabilität. Zwar kostete dies zunächst Zuchtfortschritt bei der Fleischfülle, allerdings gibt es seither weniger Tierverluste eine deutlich bessere Fleischqualität.
Diese beiden Beispiele zeigen plakativ, dass es überaus sinnvoll ist, Bildungseinrichtung der Landwirtschaft mit einem praktischen Betrieb zu kombinieren. Junge Leute stellen Fragen und stellen auch gewohntes in Frage. Das forciert den Fortschritt.