Bayerns Streuobstsorten

Sortenvielfalt im Botanischen Garten

Auf der Suche nach fast verlorenen Schätzen

Die EU-Richtlinie 2008/90/EG sieht vor, dass künftig nur noch Pflanzensorten verkauft werden dürfen, die amtlich registriert worden sind.
In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von LfL und LWG wurden in den Jahren 2012 bis 2014 möglichst viele Sorten erfasst, die in den Streuobstbeständen Bayerns vorgekommen bzw. heute noch vorhanden sind.
Mittlerweile sind 5.089 Streuobst- und Obstsorten in Listen erfasst und an das Bundessortenamt zur Registrierung gemeldet. Damit können diese Sorten gemäß den geltenden Bestimmungen weiterhin im Handel verbleiben.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Die EU-Richtlinie über das "Inverkehrbringen von Vermehrungsmaterial und Pflanzen von Obstarten zur Fruchterzeugung" (RL 2008/90/EG) regelt den Handel und Verkauf von Obstgehölzen neu. Bis zum 30. September 2012 waren die Mitgliedstaaten aufgefordert, alle Obstsorten, die nach dem Stichtag im Baumschulhandel bleiben sollten, zu registrieren. In Zukunft dürfen Baumschulen voraussichtlich nur noch Sorten anbieten, die amtlich registriert bzw. beschrieben oder die sortenrechtlich geschützt sind.
Ziel der RL 2008/90/EG sowie der Bundesverordnung über das Inverkehrbringen von Anbaumaterial von Gemüse-, Obst- und Zierpflanzenarten (AGOZV) ist es, die Bereitstellung von gesundem und qualitativ hochwertigem Vermehrungsmaterial für Pflanzen jeder Art sicherzustellen.
Das Bundessortenamt hat 2014 begonnen, die Liste der vertriebsfähigen Obstsorten bereitzustellen.

Liste der vertriebsfähigen Sorten Externer Link

Diese Liste ist längst noch nicht vollständig und wird laufend ergänzt.
Weitere Nachmeldungen „alter Sorten“ an das Bundessortenamt zur Registrierung sind in den nächsten Jahren bis auf weiteres einfach und kostenfrei möglich.

Methodik

Entsprechend dem Ziel dieser Arbeit, der Erstellung einer Gesamtliste bayerischer Streuobstsorten, erfolgte die Recherche in zwei Richtungen:
Auswertung von 50 Literaturquellen und Baumschulkatalogen aus den Jahren 1776 bis 2014
Bevorzugt waren darunter bayerische Quellen zur Pomologie. Allerdings existierte bereits im 19. Jahrhundert ein intensiver nationaler und internationaler Austausch von Sorten, so dass viele Sortenwerke für ganz Mitteleuropa Bedeutung haben. Regionsspezifische Quellen gibt es nur wenige.

Literaturquellen der Obstsortenerfassung

Auswertung aktuell verfügbarer Daten der bayerischen Landkreise aufgrund von Meldungen der Kreisfachberater, Landschaftspflegeverbänden und Pomologen sowie Daten aktueller Kartierungsergebnisse
In einem zweiten Schritt ging diese Sortenliste an die bayerischen Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege, die Landschaftspflegeverbände sowie an eine Reihe weiterer bekannter Sortenexperten zur Prüfung und Ergänzung. Zum einen sollten diese Sortenexperten zurückmelden, welche Sorten in ihrem Landkreis sicher oder vermutlich noch vorhanden sind. Zum zweiten waren sie aufgefordert, weitere ihnen bekannte Sorten nachzumelden, die angegebenen Sortennamen zu prüfen.

Die pomologische Bearbeitung übernahm der Pomologe Wolfgang Subal.

Ergebnisse

Bis Ende 2014 wurden insgesamt 5.089 historisch nachgewiesene und aktuell vorkommende Obstsorten aus neun Obstarten erfasst. Wie zu erwarten war, stellen die Apfelsorten mit 2.292 Sorten den bei weitem größten Anteil. Obwohl Birnen im Streuobst nur 10 bis 20 Prozent der Bäume stellen, ist hier die Anzahl der (ehemals vorhandenen) Sorten mit 1.658 vergleichsweise hoch. Kirschen mit 454 und Pflaumen/Zwetschgen mit 405 Sorten stellen ebenfalls wichtige Gruppen für die Sortenerhaltung dar. Bei Quitten wurden 92 Sorten erfasst. Die Obstarten Mispel, Aprikose und Pfirsich wurden am Rande mit erfasst, sind aber im Streuobstbau völlig unbedeutend. Eine Sortendifferenzierung bei Walnuss spielt in der Pomologie aber kaum eine Rolle.
Aktueller Stand der Streuobstsortenerfassung (Dezember 2015)
Art Sortenzahl Meldungen aktuell in %
Apfel 2.292 647 28
Birne 1.658 285 17
Quitte 92 53 58
Pflaume / Zwetschge 405 62 15
Kirsche 454 85 19
Pfirsich 137 6 4
Aprikose 19 3 16
Mispel 4 ? ?
Walnuss 28 11 39
Gesamt 5.089 1.152 23

Aktuell vorhandene Sorten in Bayern

Für 56 der 71 bayerischen Landkreise sowie für vier kreisfreie Städte liegen mittlerweile Daten zu Obstsorten vor. Neben den Sortenmeldungen aus 46 Landkreisen konnten für 17 Landkreise die Ergebnisse aus Kartierungen der letzten Jahre verwendet werden. Die 25 kreisfreien Städte wurden nicht gesondert abgefragt und sind deshalb nur teilweise berücksichtigt.
Es wurden insgesamt 1.152 Obstsorten genannt, die aktuell in (mindestens) einem der 60 ausgewerteten Landkreise bzw. den kreisfreien Städten vorkommen.
Die meisten Sortenmeldungen kamen aus dem Landkreis Regensburg (445), gefolgt von Erlangen-Höchstadt (398), Cham (358) und Rosenheim (326).

Gesamtzahlen der aktuell vorkommenden Sorten in den Landkreisen pdf 619 KB

Abfrage der Sortenmeldungen in Bayern

Lassen Sie sich die Sortenmeldungen aus den Landkreisen (Stand Dezember 2015) für jede gemeldete Sorte anzeigen.
Verwendung der Karte und Hinweise zu den Sorten
Im grauen Kasten links neben der Bayernkarte gelangen Sie zur Sortenrecherche. Dort können Sie die Obstart auswählen und die gewünschte Sorte entweder auswählen oder eingeben.
Den Kartenausschnitt verändern Sie durch Bewegen des Mausrads oder den Gebrauch der "+" und "-" Symbole. Klicken Sie auf einen Landkreis, erhalten Sie Detailinformationen zur Sortenmeldung dieses Landkreises.
Die Legende auf der linken Seite könne Sie durch Klicken auf das Symbol aufklappen.
Die Karte zeigt Erfassungs- bzw. Meldeergebnisse. Es handelt sich nicht um Sortenempfehlungen.
Ein Teil angegebene Sorten sind nur noch in speziellen Baumschulen zu erhalten oder gar nicht mehr verfügbar.

Sortenliste für Landkreise

Erstellen Sie sich eine Sortenliste der gemeldeten Sorten zu ihren gewünschten Landkreisen.
Verwendung der Karte und Hinweise zu den Sorten
Im grauen Kasten links neben der Bayernkarte gelangen Sie zur Sortenrecherche. Dort können Sie die ein oder mehrere Landkreise auswählen und die dort gemeldeten Obstarten für die Erstellung Ihrer Sortenliste auswählen.
Die Liste zeigt Erfassungs- bzw. Meldeergebnisse. Es handelt sich nicht um Sortenempfehlungen.
Ein Teil angegebene Sorten sind nur noch in speziellen Baumschulen zu erhalten oder gar nicht mehr verfügbar.
Unter „Download PDF Sortenliste“ in der Fußleiste können sie Ihre ausgewählte Sortenliste als pdf herunterladen.
Am häufigsten zurückgemeldet wurden bei Apfel die Sorten Gravensteiner, Jakob Fischer, Jakob Lebel und Schöner aus Boskoop, bei Birne Köstliche aus Charneux, Alexander Lucas und Gute Graue.
Die 20 am häufigsten zurückgemeldeten Apfel- und Birnensorten aus 59 Landkreisen
Äpfel Anzahl Birnen Anzahl
Grafensteiner 57 Köstliche aus Charneux 50
Jakob Fischer 55 Alexander Lucas 49
Jakob Lebel 55 Gute Graue 47
Schöner aus Boskoop 55 Doppelte Philippsbirne 44
Brettacher 54 Gellerts Butterbirne 44
Welschisner 54 Gräfin von Paris 44
Kaiser Wilhelm 53 Gute Luise von Avranches 44
Weißer Klarapfel 53 Oberösterreichische Weinbirne 43
Landsberger renette 53 Clapps Liebling 42
Wintergoldparmäne 53 Conference 41
Rheinischer Winterrambur 52 Neue Poiteau 40
Roter Boskoop 52 Williams Christbirne 40
Ontario 51 Madame Verte 38
Roter Eiserapfel 51 Mollebusch 38
Grahams Jubiläumsapfel 50 Pastorenbirne 36
Danziger Kantapfel 49 Schweizer Wasserbirne 36
Ingrid Marie 49 Boscs Flaschenbirne 33
Transparent aus Croncels 48 Clairgeaus Butterbirne 33
Schöner aus Wiltshire 48 Prinzessin Marianne 32
Lohrer Rambur 48 Stuttgarter Geißhirtle 32

Lokalsorten

Wiederentdeckte Lokalsorte „Röhrlesbirne“ aus dem Landkreis WürzburgZoombild vorhanden

Röhrlesbirne
Foto: W. Subal

Aufgrund von regional unterschiedlichen Bezeichnungen derselben Obstsorte – auch in der Sortenliteratur – ist es ohne pomologische Überprüfung schwierig, Lokalsorten zu determinieren. Insgesamt konnten 184 Lokalsorten erfasst werden, davon 147 als sichere, 32 als fragliche und 5 als partielle* Lokalsorten.
Als Beispiele seien genannt: Allgäuer Kalvill, Bernrieder Stingel, Bamberger Kugelbirne, Deggendorfer Frauenapfel, Kitzinger Taubenapfel und Großwallstädter Rosenapfel.

* Das Vorkommen partieller Lokalsorten erstreckt sich auch auf benachbarte Bundesländer.
Obstart Lokalsorte Bayern Lokalsorte partiell Lokalsorte fraglich Gesamt
Apfel 91 4 17 112
Birne 48 1 13 62
Kirsche 5 - 1 6
Mispel - - - -
Aprikose - - - -
Pfirsich - - - -
Quitte 1 - - 1
Walnuss - - - -
Zwetschge 2 - 1 3
Gesamt 147 5 32 184

Abfrage der Regionalsorten in Bayern

Lassen Sie sich die Regionalsorten in einer Bayernübersicht anzeigen.
Verwendung der Karte und Hinweise zu den Sorten
Im grauen Kasten links neben der Bayernkarte gelangen Sie zur Sortenrecherche. Dort können Sie die Obstart und die Regionalsorte entweder auswählen oder eingeben.
Den Kartenausschnitt verändern Sie durch Bewegen des Mausrads oder den Gebrauch der "+" und "-" Symbole. Klicken Sie auf einen Landkreis, erhalten Sie Detailinformationen zur Sortenmeldung dieses Landkreises.
Die Legende auf der linken Seite könne Sie durch Klicken auf das Symbol aufklappen.
Die Karte zeigt Erfassungs- bzw. Meldeergebnisse. Es handelt sich nicht um Sortenempfehlungen.
Ein Teil angegebene Sorten sind nur noch in speziellen Baumschulen zu erhalten oder gar nicht mehr verfügbar.

Bewertung der Ergebnisse

Die enorme Sortenvielfalt, die sich auf Grund der großen Bedeutung des Streuobstbaus für die Selbstversorgung der Bevölkerung entwickelt hat und Ende des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte (Bosch, Schwindel, Degenbeck 2009), ist immer wieder beeindruckend. Inwieweit die in historischen Quellen genannten Sorten wirklich eigenständige Sorten waren und nicht nur regional unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dieselbe Sorte, lässt sich im Nachhinein oft nicht mehr prüfen. Der möglicherweise daraus resultierende Fehler liegt nach Einschätzung von Wolfgang Subal bei unter 3% der Sortenzahl.

Der Projektbericht und die Sortenlisten können von Pomologen und anderen Fachleuten bei uns angefordert werden mit einer Email an: streuobst@LfL.bayern.de.