Sprungmarken:

Seite als Favorit speichern

Fügen Sie diese Seite zu Ihren Favoriten hinzu:

* Pflichtfelder


fressende Rinder auf Weide

Praxisinformationen
Gesamtzuchtwert

Jahrzehntelang beschränkte sich die Selektion in der Rinderzucht weltweit weitgehend auf Produktionsmerkmale wie Milch und/oder Fleisch. Mit der Sättigung der Märkte und teils beträchtlichen Preisrückgängen für Milch und Fleisch ist die Bedeutung kostensenkender Merkmale deutlich gestiegen. Mit der zunehmenden Bedeutung funktionaler Merkmale hat auch die Anzahl der Merkmale, für die Zuchtwerte geschätzt werden, stark zugenommen. Mittlerweile stehen den Zuchtorganisationen und Züchtern über 40 Zuchtwerte pro Stier dreimal im Jahr zur Verfügung. Eine Zusammenfassung der Zuchtwerte entsprechend ihrer züchterischen bzw. wirtschaftlichen Bedeutung in einem Gesamtzuchtwert ist daher international üblich.

In einem auf die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Zuchtziel sollten alle wirtschaftlich wichtigen Merkmale berücksichtigt werden. Werden mehrere Merkmale im Zuchtziel berücksichtigt, gilt die Überlegenheit der Indexselektion gegenüber allen anderen Selektionsmethoden als erwiesen. Die Problematik bei der Zuchtzielfestlegung besteht in der Berechnung der wirtschaftlichen Bedeutung für die einzelnen Merkmale, welche unter Berücksichtigung der zukünftigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erfolgen soll.
Der ökonomische Gesamtzuchtwert ist auf die Maximierung des wirtschaftlichen Gesamtnutzens ausgerichtet und beinhaltet neben den Milch- und Fleischleistungsmerkmalen auch die kostensenkenden Fitnessmerkmale. Der Gesamtzuchtwert ist ein Selektionsindex und stellt die mathematische Definition des Zuchtzieles dar. Mit der Berechnung eines ökonomischen Gesamtzuchtwertes können alle wirtschaftlich wichtigen Merkmale in einer Zahl kombiniert werden, nach welcher die Tiere objektiv gereiht werden können. Entscheidend für die Berechnung des ökonomischen Gesamtzuchtwertes beim Einzeltier sind die für die einzelnen Merkmale geschätzten Zuchtwerte mit den jeweiligen Genauigkeiten. Für die Berechnung eines Gesamtzuchtwertes müssen die wirtschaftlichen Gewichte der Zuchtzielmerkmale und die entsprechenden genetischen Parameter bekannt sein. Vereinfacht ausgedrückt, werden die geschätzten Zuchtwerte für die einzelnen Merkmale unter Berücksichtigung der jeweiligen Genauigkeit und den Korrelationen zwischen den Merkmalen bzw. geschätzten Zuchtwerten mit den entsprechenden Wirtschaftlichkeitskoeffizienten multipliziert.

Wirtschaftliche Gewichte

Die aktuell verwendeten ökonomischen Gewichte wurden in einem Projekt im Rahmen einer Doktorarbeit unter der Leitung von Prof. Simianer am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik der Georg-August-Universität in Göttingen durchgeführt. Der Start des Projektes, in dem die Rassen Fleckvieh, Braunvieh und Holstein berücksichtigt wurden, erfolgte im Jahr 2004 mit finanzieller Beteiligung aller deutschen und österreichischen Rassedachverbände. Es erfolgte ein regelmäßiger Austausch zwischen dem Institut und den Gremien von AGÖF und ASR. Zusätzlich wurde das Projekt von einer Arbeitsgruppe mit Vertretern der oben genannten Organisationen begleitet. Das LKV Bayern und das Institut für Agrarökonomie der LfL leisteten durch die Bereitstellung von Daten (z.B. aus der Betriebszweigabrechnung Milchproduktion) einen wichtigen Beitrag.
Die neu hergeleiteten ökonomischen Gewichte wurden mit dem neuen Gesamtzuchtwert bei den Rassen Fleckvieh und Gelbvieh im November 2006 und bei der Rasse Braunvieh im August 2007 eingeführt. Die Verhältnisse der Merkmalsbereiche Milch, Fleisch und Fitness haben sich im Vergleich zum vorherigen Gesamtzuchtwert leicht verschoben.

Wesentliche Neuerungen waren bei der Einführung dieses Gesamtzuchtwertes:

  • Das Fett:Eiweiß-Verhältnis im Merkmalsblock Milch beträgt 1:10 (bisher 1:4): Beim Braunvieh kommt wie bisher der Zuchtwert Eiweißprozent mit einem Gewicht von 4,7 % hinzu.
  • Im Fleischwert wird anstelle des Fleischanteils jetzt die Ausschlachtung berücksichtigt. Die Fleischleistungsmerkmale Nettozunahme, Ausschlachtung und Handelsklasse werden im Verhältnis 44 : 28 : 28 gewichtet. Das bedeutet eine stärkere Betonung der Handelsklasse und eine geringere Betonung der Nettozunahme.
  • Stärkere Betonung von Kalbeverlauf und Totgeburtenrate; Hintergrund sind die auch zukünftig erwarteten guten Kälberpreise.
  • Etwas stärkere Betonung der Zellzahl.
  • Geringere Betonung der Melkbarkeit; wegen der relativ engen genetischen Beziehung zur Milchleistung sind aber auch in Zukunft ausreichende genetische Fortschritte in der Melkbarkeit sichergestellt.
Das Exterieur geht nicht mit einem wirtschaftlichen Gewicht direkt in den GZW ein. Die besondere Bedeutung eines funktionalen Exterieurs ist besonders im Zusammenhang mit einer möglichst langen Nutzungsdauer zu sehen. Ein genetisch gesicherter Zusammenhang ist vor allem bei den Merkmalen Fundament, Euter, Sprunggelenksausprägung, Zentralband, Euterboden und Strichstellung (Fleckvieh) bzw. Strichlänge (Braunvieh) festzustellen. Diese Exterieurmerkmale werden als Informationsmerkmale für die Nutzungsdauer herangezogen und bringen damit besonders bei jungen Stieren mit noch sehr wenigen Töchtern in der Nutzungsdauer-Zuchtwertschätzung höhere Sicherheiten bei der Nutzungsdauer. Damit profitieren exterieurstarke Stiere im Zuchtwert Nutzungsdauer und damit indirekt im GZW. Eine etwas genauere Beschreibung dieser Vorgangsweise kann bei der Zuchtwertschätzung Nutzungsdauer nachgelesen werden.

Tabelle 1: Wirtschaftliche Gewichte pro genetischer Standardabweichung im Gesamtzuchtwert (in %) pdf 16 KB

Zuchtfortschritt und Selektionserfolg

Abbildung 1: Erwarteter monetärer Zuchtfortschritt bei unterschiedlicher Selektion (links: Selektion nach GZW, rechts: Selektion nach MW)Zoombild vorhanden

Abbildung 1: Erwarteter monetärer Zuchtfortschritt bei unterschiedlicher Selektion (links: Selektion nach GZW, rechts: Selektion nach MW)

Die wirtschaftlichen Gewichte zur Berechnung des Gesamtzuchtwertes dürfen auf keinen Fall mit den zu erwartenden Zuchtfortschritten bei Selektion nach dem GZW verwechselt werden. Für den Zuchtfortschritt sind nicht nur die wirtschaftlichen Gewichte, sondern auch die Heritabilitäten und Sicherheiten und die genetischen Beziehungen der einzelnen Merkmale entscheidend. In Abbildung 1 sind die theoretisch zu erwartenden ökonomischen Zuchtfortschritte in den einzelnen Merkmalsblöcken bei Selektion nach dem GZW beim Fleckvieh dargestellt (links). Daraus kann man erkennen, dass nach wie vor der mit Abstand größte Selektionserfolg bei der Milch zu erwarten ist. In den Bereichen Fleisch und Fitness kann man erwarten, dass es zu einer geringfügigen Verbesserung bzw. zumindest zu keiner Verschlechterung kommen sollte. Wenn man jedoch nur nach dem Milchwert selektieren würde, würde der Zuchtfortschritt in der Milch zwar größer sein, aber es wäre vor allem im Fitnessbereich und auch bei den Schlachtleistungsmerkmalen eine deutliche Verschlechterung zu erwarten (Abbildung 1, rechts)! Insgesamt wäre der wirtschaftliche Erfolg um etwa 11% geringer als bei Selektion nach dem GZW. Dieser Zusammenhang trifft für alle Rassen zu. Sicherlich Zahlen, die die Bedeutung des Gesamtzuchtwertes deutlich unterstreichen!

Weitere Informationen

Dr. Christian Fürst
Dr. Christa Egger-Danner

ZuchtData EDV-Dienstleistungen GmbH
Dresdner Straße 89/19
A-1200 Wien
E-Mail: fuerst@zuchtdata.at
Internet: www.zuchtdata.at Externer Link

Update von
Dr. Reiner Emmerling

Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
Institut für Tierzucht
Prof.-Dürrwaechter-Platz 1
85586 Poing-Grub
E-Mail: Tierzucht@lfl.bayern.de
Internet: www.lfl.bayern.de Externer Link


Stand: Februar 2009