Tierzüchtung
Die neue Anomalienprüfung (Schwein)

Im September 2013 wurde das bisherige System der Anomalienprüfung durch eine völlig neue Zuchtwertschätzung für Anomalien abgelöst. Anstelle einer Anomalienvererbung wird nun, basierend auf den Daten aus den FE-Sauenplanern, ein Anomalienwert geschätzt.

Dabei werden Umwelteinflüsse und auch die Verwandtschaft zwischen Ebern berücksichtig. Mit Hilfe des Anomalienwerts kann die Anomalienvererbung der Eber wesentlich genauer eingeschätzt werden als dies in der Vergangenheit möglich war. Zudem erlaubt es das neue Verfahren, Eber über Stationen hinweg zu vergleichen.

Piétrain: Alle Prüfeberwürfe werden berücksichtigt

Bisher wurden, von den Besamungsstationen in Eigenregie organisiert, für jeden Eber etwa 30 sogenannte Anomalienkarten gesammelt. Im neuen System gehen alle seit Beginn des Jahres 2012 in den Ferkelerzeugerbetrieben geborenen Prüfeberwürfe in die Auswertung ein. Diese Datenerfassung wird durch das LKV dadurch unterstützt, dass Prüfeber durch den Namenszusatz PE gekennzeichnet werden. Die Ringassistenten der Fleischerzeugerringe erfassen dann die in solchen Würfen beobachteten Anomalien. Damit diese Würfe auch für die Zuchtwertschätzung verwendet werden können, müssen im Sauenplaner allerdings auch Würfe ohne Anomalien als anomaliengeprüft gekennzeichnet werden. Dieses Erfassungssystem kann deutlich mehr als 30 Würfe je Eber liefern. Bei den Ringassistenten und auch bei den Betrieben ist die Bereitschaft zur Mitarbeit so groß, dass mittlerweile fast die Hälfte alle Prüfeberwürfe als anomaliengeprüft gelten kann. In den letzten Monaten wurden im Bereich einzelner LKV-Verwaltungsstellen bereits Werte von über 70 Prozent erreicht. Es sei aber auch erwähnt, dass es Regionen in Bayern gibt, in denen in dieser Hinsicht noch ein Nachholbedarf besteht.
Verteilung der Anomalien bei den betroffenen FerkelnZoombild vorhanden

Abbildung 1: Verteilung der Anomalien bei den betroffenen Ferkeln

Über den ganzen Zeitraum der Datenerfassung gesehen sind durchschnittlich etwa 3 Prozent der Ferkel von einer Anomalie betroffen. Es ist aber davon auszugehen, dass dieser Wert sich mit zunehmender Verbesserung der Anomalienerfassung verringern wird. Abbildung 1 zeigt, dass Hodenbruch mit 38,2 Prozent die am häufigsten auftretende Anomalie ist. Dann folgen nicht auffindbare Hoden (25,5 Prozent) und Grätschen (22,8 Prozent). Besonders selten sind Afterlosigkeit und Zwitter.

Wirtschaftliche Bedeutung der Anomalien

Um Anomalien auf züchterischem Wege erfolgreich bekämpfen zu können, muss zunächst der wirtschaftliche Schaden möglichst genau beziffert werden. Basierend auf aktuellen Preisen wurde z.B. für Afterlosigkeit ein Schaden von 50,00 Euro ermittelt: Afterlosigkeit führt zu einem Totalverlust des Ferkels, so dass der Wert des Ferkels (Preis für ein Systemferkel: 35 Euro) sowie die Kosten für die Einschläferung (15 Euro) angesetzt werden müssen. Die auf diese Weise für alle Anomalien ermittelten Schäden reichen von 22 bis 50 Euro je betroffenes Ferkel. Der geringste Schaden (22 Euro) entsteht durch Hodenbruch, wo 20 Prozent der Ferkel eingeschläfert werden müssen, aber 80 Prozent durch einen tierärztlichen Eingriff (15 Euro) behandelt werden können.
Im nächsten Schritt wurden wirtschaftliche Gewichte für die Anomalien abgeleitet. Dabei wurden die Häufigkeiten der einzelnen Anomalien sowie deren wirtschaftlicher Schaden berücksichtigt. Die Berechnungen ergaben, dass man den wirtschaftlichen Schaden durch Anomalien am effektivsten reduziert, wenn man das Gewicht vor allem auf Hodenbruch und Nicht auffindbare Hoden legt. Nach dieser Methode ergibt sich für Afterlosigkeit ein sehr geringes wirtschaftliches Gewicht: diese Anomalie verursacht zwar einen relativ hohen Schaden (50 Euro), aber sie tritt nur sehr selten auf.

Zuchtwertschätzung für Anomalien

Grundlage der bisherigen Anomalienprüfung bzw. der Berechnung des Anomalienindex war die Annahme, dass den Anomalien ein monogen-rezessiver Erbgang zu Grunde liegt. Anomalien können demzufolge nur auftreten, wenn ein Besamungseber, der heterozygot ist (d.h. der Eber ist Träger), an eine Sau angepaart wird, die ebenfalls Trägerin ist. Aus einem solchen Wurf sollte dann im Durchschnitt ein Viertel der Ferkel von der entsprechenden Anomalie betroffen sein.
Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass Anomalien nicht einem monogen-rezessiven Erbgang unterliegen, sondern dass viele Gene beteiligt sind. Anomalien sind demnach, wie zum Beispiel auch die Merkmale der Mast- und Schlachtleistung, als polygene Merkmale zu betrachten. Umwelteinflüsse können eine große Rolle spielen, und Anomalien sind nur zum Teil erblich. Die Erblichkeitsgrade (Heritabilitäten) können geschätzt werden und liegen dann der Schätzung von Zuchtwerten für Anomalien zu Grunde. Die Bezeichnungen ‚Träger‘ bzw. ‚Nicht-Träger‘ sind damit nicht mehr zulässig.
Untersuchungen des ITZ zeigten, dass Anomalien nur zu einem geringen Teil erblich sind. Das bedeutet, dass auch andere Faktoren wie zum Beispiel die Anzahl der Ferkel im Wurf, die Wurfnummer, die Haltungsumwelt und die Jahreszeit das Auftreten von Anomalien beeinflussen. Diese Erkenntnisse werden berücksichtigt, wenn für jeden Eber ein Zuchtwert für jede Anomalie geschätzt wird. Anschließend werden die einzelnen Zuchtwerte mit den jeweiligen wirtschaftlichen Gewichten multipliziert und dann zusammengezählt. Dieser Anomalienwert wird so standardisiert, dass der mittlere Anomalienwert der Basistiere (zwei- und dreijährige Eber) 0 beträgt. In seiner Definition ähnelt der Anomalienwert dem Produktionswert, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass er sich auf einen Wurf und nicht auf ein Mastschwein bezieht:
Der Anomalienwert eines Ebers entspricht dem zusätzlichen Gewinn pro Wurf, der bei Verwendung dieses Ebers gegenüber einem durchschnittlichen Eber erzielt wird.
Ab September wird die Zuchtwertschätzung für Anomalien monatlich durchgeführt. Eine wöchentliche Zuchtwertschätzung ist nicht erforderlich, da die Daten aus den FE-Sauenplanern nur einmal im Monat in die Datenbank des LKV überspielt werden.

Veröffentlichung und "Bewertung" des Anomalienwerts

Logo Qualitätssiegel geprüfte Eber LfL

Abbildung 2: Qualitätssiegel für geprüfte Eber

Der Anomalienwert eines Ebers wird ab einer Sicherheit von 35 % veröffentlicht. Für Eber, die bereits anomaliengeprüft sind (ein Anomalienindex liegt vor), wird kein Anomalienwert ausgewiesen. Stattdessen wird weiterhin der Anomalienindex angezeigt. Eine Verwechslungsgefahr sollte ausgeschlossen sein, da sowohl die Bezeichnung (Anomalienindex vs. Anomalienwert) als auch die Skala unterschiedlich sind
Die Anomalienprüfung in der bisherigen Art entfällt. Es werden keine Mindestanforderungen festgelegt, nach denen Eber, die diese Werte nicht erreichen, von der künstlichen Besamung auszuschließen wären. Stattdessen wird der Anomalienwert zusätzlich zum Gesamtzuchtwert als Kriterium für die Vergabe des Labels herangezogen:

Vom Institut für Tierzucht wird für Eber, die folgende Anforderungen erfüllen, ein Qualitätssiegel (Abbildung 2) vergeben:

  • einen Gesamtzuchtwert von mindestens 100 Punkten bei einer Sicherheit von mindestens 64 Prozent
  • einen Anomalienwert von mindestens -0,30 Euro bei einer Sicherheit von mindestens 55 Prozent

Mutterrassen

In die Zuchtwertschätzung für Anomalien gehen Daten sowohl aus den EGZH-Betrieben als auch den LKV-Betrieben mit Eigenremontierung ein. Es werden die seit Anfang 2012 geborenen Würfe aller Eber der bayerischen Besamungsstationen berücksichtigt. Betriebe, die keine Anomalien erfassen, werden ausgeschlossen. Bei den Mutterrassen sind deutlich weniger Würfe von Anomalien betroffen als bei Piétrain. Während der Anteil bei Piétrain jedoch überschätzt sein dürfte, liegt bei den Mutterrassen die Vermutung nahe, dass die Erfassung der Anomalien noch unvollständig ist.
Abbildung 3: Relative Bedeutung der Anomalien im AnomalienwertZoombild vorhanden

Abbildung 3: Relative Bedeutung der Anomalien im Anomalienwert

Die Zuchtwertschätzung für Anomalien sowie die anschließende Berechnung des Anomalienwerts wird wie bei der Rasse Piétrain durchgeführt (Abbildung 3). Der Anomalienwert wird getrennt für Landrasse- und Edelschwein-Eber standardisiert. Damit sind die Anomalienwerte von DE-Ebern und DL-Ebern nicht miteinander vergleichbar! Für die Veröffentlichung der Anomalienwerte sowie für die Vergabe des Labels gelten bei den Mutterrassen dieselben Anforderungen wie bei der Rasse Piétrain.
Stand: September 2013