Forschungs- und Innovationsprojekt
Selektives Trockenstellen von Milchvieh – Das Projekt "RAST"

Braunviehkuh schaut durch ein Fressgitter

RAST - Reduktion des Antibiotikaeinsatzes beim Milchvieh durch Selektives Trockenstellen

In der gesellschaftlichen Diskussion wird der Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion zunehmend kritisch gesehen. Der Verbraucherschutz, die Ausbreitung von multiresistenten Keimen und das Tierwohl sind Punkte, die in diesem Zusammenhang angeführt bzw. kontrovers diskutiert werden. Im Rahmen des Projekts "RAST" wurden Möglichkeiten der Reduktion des Einsatzes von Antibiotika beim Trockenstellen von Milchkühen in Praxisbetrieben evaluiert.
Der Einsatz von Antibiotika in der Zeit, in der die Kuh „trocken steht“, bietet sich an um bestehende bakterielle Entzündungen ausheilen zu können. Gleichzeitig besteht zu Beginn und auch zum Ende der 6 - 8 wöchigen Trockenstehzeit ein erhöhtes Risiko für bakterielle Euterentzündungen. Mithilfe von antibiotischen „Trockenstellern“ soll das Risiko einer Erkrankung der Tiere minimiert werden.
Das Projekt RAST zielte auf einen selektiven und damit reduzierten Einsatz von Antibiotika zum Trockenstellen ab. Auf der Grundlage von verschiedenen Informationen wurden zum Zeitpunkt des Tockenstellens für jedes Tier eine individuelle Entscheidung getroffen, nach welchem Verfahren (mit oder ohne Antibiotika) trocken gestellt wurde. Durch eine selektive Entscheidung sollte einerseits der Schutz der Tiere vor Erkrankung gesichert und gleichzeitig die Reduktion des Antibiotikaeinsatzes gewährleistet werden. Das Projekt griff dabei auf die Erfahrungen von vorhergehenden Studien bzw. auf einschlägige Praxiserfahrungen zurück.

Zielsetzung des Projekts

  • Weiterentwicklung, Präzisierung und Überprüfung von Entscheidungsverfahren zum selektiven Trockenstellen
  • Erfassung und Bewertung von Faktoren, die den Erfolg des Selektiven Trockenstellens beeinflussen
  • Risikobewertung und ökonomische Einschätzung des Verfahrens
  • Förderung der Akzeptanz von alternativen Trockenstellmaßnahmen
  • Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Milchviehhaltung

Methode und Vorgehen

Auswahl und Vorbereitung der Projektbetriebe
Es werden bayernweit ca. 20 Projektbetriebe ausgewählt, die nach einer Vorbereitungsphase auf das Verfahren „Selektives Trockenstellen“ umstellen. In dieser Vorbereitungsphase wird der Eutergesundheits-Status der Herde anhand von 2 - 3 Screenings untersucht. Von jedem Tier werden Milchproben bakteriologisch untersucht und beurteilt. Die ausgewählten Betriebe müssen bestimmte euterhygienische Voraussetzungen erfüllen um sicherzustellen, dass erfolgversprechend auf das selektive Trockenstellen umgestellt werden kann. So sollte beispielsweise keine massive Staph. Aureus-Infektionslage in der Herde bestehen.
Gleichzeitig werden die produktionstechnischen Rahmendaten der Betriebe erfasst und die Melktechnik auf ordnungsgemäße Funktion überprüft, um negative Nebeneffekte nach Möglichkeit auszuschließen.

Weitere Punkte, die von den Betrieben erfüllt werden müssen:

  • Betriebsgröße ca. 40 - 80 Milchkühe
  • Teilnahme an MLP und LKV-Fütterungsberatung
  • Bereitschaft zur Teilnahme an ProGesund
  • Kooperationsbereitschaft Tierarzt / Betrieb / TGD
  • Bereitschaft von Seiten des Betriebs, die eigenen Erfahrungen zu präsentieren
Selektives Trockenstellen und Datenerhebung
Nach den vorbereitenden Untersuchungen werden die Milchkühe auf Grundlage der vorliegenden Informationen (Zellzahl, Schalmtest, bakteriologische Untersuchung…) tierindividuell trocken gestellt. D. h. soweit die Voraussetzungen erfüllt sind, wird auf antibiotischen Trockenstellschutz verzichtet. Weisen die Informationen für einzelne Tiere auf eine bestehende Infektion bzw. auf ein erhöhtes Infektionsrisiko hin, so werden diese Tiere mit Hilfe von Antibiotika bzw. mit Zitzenversiegler trocken gestellt. Diese tierindividuelle Entscheidung erfolgt auf der Grundlage eines im Rahmen des Projekts erarbeiteten Entscheidungsbaums.

Während der Laufzeit des Projekts werden zahlreiche Milchproben der Tiere bakteriologisch untersucht und die Ergebnisse dokumentiert und ausgewertet. Es sollen damit der Stand sowie die Entwicklung der Eutergesundheit der Herde im Laufe des dreijährigen Projekts aufgezeigt werden. Gleichzeitig werden in den Betrieben die produktionstechnischen Bedingungen (Haltungsbereich, Fütterung, Milchgewinnung…) dokumentiert und ausgewertet.
Mit Hilfe dieser umfangreichen Daten soll eine Beurteilung des Verfahrens „Selektives Trockenstellen“ in Bezug auf eutergesundheitliche, aber auch in Bezug auf ökonomische bzw. verfahrenstechnische Aspekte ermöglicht werden. Gleichzeitig ist angestrebt die Erfahrungen der teilnehmenden Betriebe bei der Beurteilung und Weiterentwicklung des Verfahrens einfließen zu lassen.
Um die Diskussion und den Wissensstand zu alternativen Trockenstellverfahren anzuregen, sollen bereits während der Projektlaufzeit die Zwischenergebnisse und Erfahrungen der Betriebe in Veranstaltungen und Veröffentlichungen dargestellt werden.

Ergebnisse

Arbeitsablauf

Eine entscheidende Voraussetzung, um selektives Trockenstellen in den Betrieb zu integrieren, ist die Berücksichtigung des Eutergesundheitsstatus und die Freiheit des Bestands von bestimmten Erregern auf Herdenebene. Für die Ermittlung des Erregerstatus sind Bestandsuntersuchungen notwendig. Das Ergebnis der Bestandsuntersuchung liefert einen Überblick über die Erregersituation und damit auch die Entscheidungsgrundlage, ob der Betrieb für das Verfahren des selektiven Trockenstellens geeignet ist.
Im Rahmen eines dreistufigen Entscheidungsbaums wird geklärt, ob bei der trockenzustellenden Kuh auf einen antibiotischen Trockensteller verzichtet werden kann und gegebenenfalls ein Zitzenversiegler appliziert werden soll. Dabei wird anhand der Zellzahlen der letzten drei Milchleistungsprüfungen und der Mastitishistorie, dem Ergebnis aus der bakteriologischen Untersuchung 14 Tage vor dem Trockenstellen und des Schalmtests am Tag des Trockenstellens die Entscheidung gefällt. Die konkrete Trockenstellbehandlung erfolgt in Absprache mit dem bestandsbetreuenden Hoftierarzt.

Wie hoch war das Antibiotikaeinsparpotenzial?

Im Projekt konnte der Antibiotikaeinsatz beim Trockenstellen um rund 40 % reduziert werden.

Was gibt es, neben der Trockenstellbehandlung, noch zu beachten?

Ein wichtiger Bestandteil im Verfahren des selektiven Trockenstellens stellt die Erfolgskontrolle dar. Hierbei wird die Entwicklung der Eutergesundheit beurteilt, d. h. wie „gut“ die Kuh durch die Trockenstehperiode, in Bezug auf Neuinfektion und Heilung bestehender Mastitiden, gekommen ist. Dabei dürfen die Einflüsse von Haltung, Fütterung und Management nicht außer Acht gelassen werden.

Fazit

Um Selektives Trockenstellen erfolgreich in den Betrieb zu integrieren, ist eine gute Eutergesundheit auf Herdenebene Voraussetzung. Außerdem muss der Betrieb kurzfristig mit einem höheren Arbeits- und Kostenaufwand rechnen. Es führt oftmals zu Änderungen rund um das Trockenstellmanagement, da 14 Tage vor dem Trockenstelltermin eine Viertelanfangsgemelksprobe gezogen werden muss. Dazu empfiehlt es sich, einen Beprobungskalender oder Aktionslisten im Herdenmanagementprogramm zu erstellen. Nicht bei jeder Kuh kann auf einen antibiotischen Trockensteller verzichtet werden. Eine längerfristige Bewertung, ob betriebsindividuelle Kosten gespart werden können, ist schwierig. Dem Aufwand stehen viele Vorteile, wie etwa ein besserer Überblick über die Eutergesundheit, gegenüber, die monetär aber auch in Bezug auf den Arbeitszeitbedarf schwer abzuschätzen sind. Die Ergebnisse aus dem Projekt „RAST“ zeigen, dass das Selektive Trockenstellen im Rahmen eines optimierten und kontrollierten Trockenstellmanagements ohne Beeinträchtigung der Herdeneutergesundheit möglich ist. Somit kann dieses Verfahren, unter bestimmten Voraussetzungen auf Betriebs- und Herdenebene, als eine Maßnahme zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Milchviehhaltung betrachtet werden.
Projektinformation
Projektleitung: Dr. Jan Harms
Projektbearbeitung: Melanie Jakob, Tanja Sonnewald-Daum, TGD - Reglindis Huber-Schlenstedt, LMU - Prof. Rolf Mansfeld, Katharina Schmon
Laufzeit: 2015 - 2018
Finanzierung: StMELF
Förderkennzeichen: A/15/04
Logos der beiden Institutionen: Klinik für Wiederkäuer und Tiergesundheitsdienst Bayern
Partnerorganisationen im Projekt "RAST"
LMU-München, Tierärztliche Fakultät, Klinik für Wiederkäuer
Tiergesundheitsdienst Bayern e.V. (TGD)

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