Forschungs- und Innovationsprojekt
Betriebliche Eigenkontrolle der Tiergerechtheit in der Rinderhaltung – Das Projekt "INZEIT"

Erhebung tierbezogener Indikatoren im Stall

INZEIT – Praxistauglichkeit von Indikatoren zur betrieblichen Eigenkontrolle der Tiergerechtheit in der Rinderhaltung

Nach § 11 Abs. 8 Tierschutzgesetz (TierSchG) müssen Landwirte – um sicherzustellen, dass die Anforderungen des Tierschutzgesetzes umgesetzt werden – das Tierwohl in ihren Betrieben erfassen und bewerten. Wie Tierhalter die Tierwohlsituation erfassen und bewerten können, wird in einem aktuellen Forschungsprojekt an der LfL gemeinsam mit Milch- und Mastrindhaltern aus ganz Bayern nachgegangen.

Hintergrund

Tierschutzgesetz

Die Forderung nach einer tiergerechten Haltungsumwelt ergibt sich aus dem deutschen Tierschutzgesetz und dem Artikel 20a des Grundgesetzes, der den Tierschutz in den Rang eines Staatsziels erhebt. Das Tierschutzgesetz schützt aus dem Prinzip der Mitgeschöpflichkeit heraus Leben und Wohlbefinden von Tieren. § 2 des Tierschutzgesetzes besagt, dass, wer ein Tier hält, dieses "seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen" muss. Dabei darf der Mensch "die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen, vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden". Nutztierhalter müssen laut § 11 (8) des Tierschutzgesetzes mit geeigneten tierbezogenen Merkmalen die Anforderungen des § 2 erheben und bewerten. Mit dieser Regelung wird explizit die Eigenverantwortung des Tierhalters für das Wohlbefinden des Tiere herausgestellt.
§ 11 (8) Tierschutzgesetz
"Wer Nutztiere zu Erwerbszwecken hält, hat durch betriebliche Eigenkontrolle sicherzustellen, dass die Anforderungen des § 2 eingehalten werden. Insbesondere hat er zum Zwecke seiner Beurteilung, dass die Anforderungen des § 2 erfüllt sind, geeignete tierbezogene Merkmale (Tierschutzindikatoren) zu erheben und zu bewerten."
Tierbezogene Merkmale
Für die betriebliche Eigenkontrolle schreibt der Gesetzgeber insbesondere die Verwendung von tierbezogenen Merkmalen bzw. Indikatoren vor. Diese ermöglichen über Erfassung der Gesundheit und Beobachtung des Tierverhaltens einen direkten Rückschluss auf die Auswirkung von Haltung und Management. Tierbezogene Indikatoren bei Rindern sind beispielsweise Körperkondition, Verschmutzung, haltungsbedingte Verletzungen, Klauengesundheit, Lahmheit, aber auch tierbezogene Daten asu Systemen wie der Milchleistungsprüfung, der HI-Tierdatenbank oder Schlachthofbefunden.

Umsetzung der betrieblichen Eigenkontrolle

Die Umsetzung bzw. Überwachung der betrieblichen Eigenkontrolle gestaltet sich für Tierhalter und die zuständigen Überwachungsbehörden in der Praxis schwierig. Dies liegt zum einen daran, dass es keine konkreten Verordnungen gibt, die Inhalt, Umfang und Häufigkeit der Erhebung der Tierschutzindikatoren regeln, aber auch am eigentlichen Grundgedanken, der hinter den Eigenkontrollen steht. Zweck der Eigenkontrollsysteme ist neben dem o. g. Einhalten der tierschutzrechtlichen Anforderungen, dass sich jeder Tierhalter mit den Gegebenheiten, Besonderheiten und ggf. Problematiken in seinem Betrieb auseinandersetzt und sich deren bewusst ist. In jedem Betrieb kann sich im Alltag eine gewisse Betriebsblindheit einschleichen, der durch einen objektiveren Blick auf die Situation entgegengewirkt werden kann. Eigenkontrolle sollte immer bestimmte Tierwohlaspekte abdecken, gleichzeitig sollte sie betriebsspezifisch angepasst werden.
Derzeitiger Gesetzesstand
Nach derzeitigem Gesetzesstand reicht es aus, wenn Tierhalter für ihren Betrieb passende tierbezogene Indikatoren auswählen und anwenden. Die im Projekt vorgestellten Systeme "Q-Wohl BW" und "KTBL-Tierschutzindikatoren-Leitfaden für die Praxis - Rind" stellen Vorschläge für eine systematische Erfassung der betrieblichen Eigenkontrolle dar. Die Systeme überprüfen die kritischen Bereiche im eigenen Bestand und können dabei helfen, Betriebsblindheit zu überwinden. Somit entsteht ein aussagekräftiges Bild über die aktuelle Tierwohlsituation.

Tierbezogener Indikatoren als Chance wahrnehmen

Die Erhebung tierbezogener Indikatoren sollte als Chance wahrgenommen werden:

  • Anregung für einzelbetriebliches Herdenmanagement
  • Grundlage für betriebsindividuelle Optimierungsmaßnahmen, die auch die Wirtschaftlichkeit verbessern können
  • Vergleich der eigenen Entwicklung über die Zeit und/ oder mit Berufskollegen
  • Sicherung und ggf. Verbesserung des Tierwohls in der Nutztierhaltung
  • Erhöhte gesellschaftliche Akzeptanz

Projektziele

Mit dem vorliegenden Forschungsvorhaben sollen unterschiedliche Vorgehensweisen bzw. Systeme zur betrieblichen Eigenkontrolle nach § 11 Abs. 8 des Tierschutzgesetzes auf ihre Eignung und Anwendbarkeit unter praktischen Bedingungen in bayerischen Milchvieh- und Rindermastbetrieben geprüft werden. Somit können Anregungen zur Weiterentwicklung der Systeme gegeben werden. Dies beinhaltet auch die Berücksichtigung unterschiedlicher Arten der Schulung für Nutztierhalter und den Einsatz unterschiedlicher digitaler Syteme.
Im Rahmen des Projekts soll besonderes Augenmerk auf die speziellen bayerischen Belange in Bezug auf Haltungsformen und Betriebsgrößen gelegt werden.
So sollen beispielsweise die Almwirtschaft, die Anbindehaltung und generell kleine Betriebe besondere Berücksichtigung finden. Dies geschieht vor dem Hintergrund, diese in zukünftigen Vorgaben, Empfehlungen aber auch in der Beratung entsprechend einbeziehen zu können.

Vorgehensweise

Im Rahmen des Forschungsprojektes wird die betriebliche Eigenkontrolle in Bayern untersucht. Das Projekt lehnt sich dabei sehr eng an die Vorgehensweise von KTBL und Thünen-Institut sowie Partnern an, welche praxistaugliche Vorschläge für die betriebliche Eigenkontrolle erarbeiten, die mit allen relevanten Akteursgruppen abgestimmt werden und bundesweit Anwendung finden können. Hierbei ist es sinnvoll, dass die Besonderheiten regionaler Betriebsformen und -strukturen berücksichtigt werden. Dazu nehmen in Bayern elf Milchviehbetriebe mit bis zu 50 Milchkühen (Anbindehaltung / Laufstallhaltung / Almhaltung) und fünf Rindermastbetriebe mit bis zu 90 Tieren (Vollspalten / Tretmist / Stroh) teil.
Mastrinder im Fressgitter

Mastrinder

Mehrere Fleckviehkühe in Anbindehaltung

Kühe im Anbindestall

Zwei Fleckviehkühe im Laufstall in Liegebox liegend

Kühe im Laufstall

Zwei Braunviehkühe grasen auf Alm im Allgäu

Kühe auf Alm im Allgäu

Folgende Systeme finden im Projekt Anwengung:

  • der „KTBL-Tierschutzindikatoren“-Leitfaden für die Praxis – Rind,
  • die Schwachstellenanalyse „Cows And More“ sowie
  • die App-Anwendung Q-Wohl-BW.
Vor Erhebung der KTBL-Tierschutzindikatoren auf den Betrieben wurde mit den Landwirten eine Online- bzw. Direktschulung vorgenommen, entsprechend der Vorgehensweise des KTBL und des Thünen-Institutes. Zusätzlich erfolgten Direktschulungen durch die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen sowie Einweisungen durch die Projektmitarbeiter. Bei den verschiedenen Schulungsformaten wird untersucht, wie die unterschiedlichen Ansprüche der Landwirte an die Schulung berücksichtigt werden können.
Über zwei Jahre jeweils im Sommer- und Winterhalbjahr führen die Landwirte und die Projektmitarbeiter die betriebliche Eigenkontrolle auf den Betrieben durch. So können in regelmäßigen Abständen Veränderungen bei den Tieren erkannt und der Einfluss der Jahreszeiten untersucht werden.
Bei mehreren Betriebsbesuchen werden die Landwirte zur Anwendbarkeit der Systeme befragt. Es soll auch die Handhabung der Systeme im täglichen Umgang untersucht werden (Smartphone / Tablet / PC / Papier).
Die Rückmeldungen der Landwirte werden aktiv in die Weiterentwicklung der Systeme zur Erhebung von Indikatoren zur betrieblichen Eigenkontrolle mit einbezogen. Auch die Projektmitarbeiter beurteilen die Tiere und vergleichen die Daten anschließend, um herauszufinden, wie praxistauglich die Indikatoren für die Landwirte sind.

Bewertungssysteme

Umschlag des KTBL Leitfaden für die Praxis - Rind
Seit 2014 arbeitet das KTBL bundesweit in Zusammenarbeit mit dem Thünen-Institut für Ökologischen Landbau und anderen Experten an der Auswahl geeigneter Indikatoren für die betriebliche Eigenkontrolle in der Rinderhaltung.
2016 erschien der KTBL-Leitfaden "Tierschutzindikatoren: Leitfaden - Rind" für Milchkühe, Mastrinder und Aufzuchtkälber, der die bedeutendsten möglichen Tierschutzprobleme in der Praxis abdeckt. Tierhalter können sich mithilfe der beschriebenen Indikatoren regelmäßig einen systematischen Überblick über die Tierwohlsituation in ihrem Betrieb verschaffen.
Der Leitfaden bezieht sich auf die Haltungssysteme Laufstall- und Anbindehaltung beim Milchvieh sowie Ein- und Zweiflächenbuchten in der Rindermast. Eine betriebsinterne Ergebnis-Dokumentation der Indikatorenerhebung wird empfohlen, da der Tierhalter nur so zeitliche Veränderungen erkennen kann und ggf. die Wirkung der von ihm ergriffenen Maßnahmen auf seinen Tierbestand längerfristig beurteilen kann.
Zudem kann die Dokumentation als Nachweis zur Umsetzung des § 11 (8) Tierschutzgesetz - Verpflichtung zur betrieblichen Eigenkontrolle - gegenüber den Behörden dienen. Tierhalter können die Indikatoren selbst erheben, eine Schulung ist allerdings empfehlenswert.
Zur Erhebung der Indikatoren steht eine kostenlose Excel-Anwendung zur Verfügung, die der Tierhalter nach Anpassung der Tierzahl an seinen Betrieb entweder direkt mit einem Tablet oder ausgedruckt im Stall verwenden kann:

Tierschutzindikatoren: Erhebung Externer Link

In den maßgeschneiderten Formularen der Excel-Anwendung können Nutztierhalter Tierschutzindikatoren nach den gleichen Methoden in ihrem Betrieb erheben und dokumentieren, die in den Praktikerleitfäden beschrieben sind.
Die Excel-Anwendung errechnet die Ergebnisse automatisiert und fasst diese übersichtlich zusammen.
Eine App für die Nutzung auf mobilen Geräten ist in der Entwicklung. Bis zu einer Bestandsgröße von 30 Tieren wird die Beurteilung aller Tiere empfohlen, weitere Stichprobengrößen sind dem Leitfaden zu entnehmen. Eine halbjährliche Erhebung im Sommer- und Winterhalbjahr wird empfohlen.
Im Projekt INZEIT werden die Schulungsmethoden - Online- und Live-Schulungen - sowie die Anwendung der Indikatoren in der Praxis unter den spezifischen bayerischen Rahmenbedingungen geprüft,.
Q-Wohl-BW
Die Initiative Q-Wohl Baden-Württemberg wurde 2016 von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW) und der Landesbeauftragten für Tierschutz gegründet. Dahinter steht ein Kriterienkatalog für die Bereiche Haltung und Management, sowie tierbezogener Indikatoren mit Richt- und Alarmwerten.

Die kostenlose App bietet neben der Eigenkontrolle auch eine Managementhilfe zur Verbesserung des Tierwohls sowohl in Neu- als auch in Bestandsbauten an.
Diese Anwendung berücksichtigt insbesondere im Maßnahmenkatalog die Gegebenheiten der Anbindehaltung.
In der App werden die Funktionsbereiche Liegen, Laufen und Fressen abgefragt.
Eine Schulung der Anwender ist nicht vorgesehen. Empfohlen wird eine halbjährliche Erfassung mit einer Herdenstichprobengröße von mind. 20 % bzw. mindestens 20 Tieren. Im Projekt INZEIT wird überprüft, ob die Nutzung einer App zur Erhebung tierbezogener Indikatoren praxistauglich sein kann. Zusätzlich wird untersucht, inwieweit sich die Empfehlungen der Anwendung aufgrund der ähnlichen Strukturen in Baden-Württemberg auf bayerische Betriebe übertragen lassen.
Logo der digitalen Schwachstellenanalyse CowsAndMore
Die kostenpflichtige digitale Schwachstellenanalyse CowsAndMore für Milchkühe von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen wurde für Berater entwickelt, um Haltung und Management von Milchkühen zu beurteilen und Beratungsempfehlungen geben zu können.
Das System ist nicht für die betriebliche Eigenkontrolle vorgesehen, jedoch testen die INZEIT-Projektlandwirte die intuitive Bedienung eines Tablets zur Erfassung tierbezogener Indikatoren im Stall. So können z. B. liegende Tiere durch Antippen des entsprechenden Fotos gezählt werden.
Des Weiteren wird untersucht, ob die von der Software abgeleiteten Schwachstellen und Maßnahmen dem Landwirt weiterhelfen.

Managementhilfe CowsAndMore Externer Link

Projektstand

Zwei Projektmitarbeiterinnen bei der Erhebung tierbezogener Indikatoren an einer Braunviehkuh auf der Alp
Im Rahmen der Betriebsakquise wurde 2018 eine Vielzahl an rinderhaltenden Betrieben kontaktiert, wovon 16 Betriebe ausgewählt wurden. Die Projektbetriebe erhielten vor Ort oder per Online-Seminar eine Schulung zur Anwendung der Systeme KTBL-Leitfaden-Rind und der Schwachstellenanalyse CowsAndMore.
Die erste Wintererhebung tierbezogener Merkmale mit dem KTBL-Leitfaden fand im Februar 2019 durch Projektlandwirte und Projektmitarbeiter statt. Im Frühsommer erfolgte die Anwendung der Systeme CowsAndMore sowie Q-WohlBW.
Die Erhebungsphase endet im Frühjahr 2020, daraufhin findet die Datenauswertung statt.
Projektinformation
Übergeordnete Projektleitung: Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Projektleitung LfL: Dr. J. Harms (ILT)
Projektbearbeitung: M. Leißner (ILT), S. Seiler (ILT)
Laufzeit: 2017 - 2020
Finanzierung: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV), Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF)
Kooperationspartner: Thünen-Institut Trenthorst, KTBL, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Landwirtschaftliches Zentrum Baden-Württemberg, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen
Förderkennzeichen: 72238