Forschungs- und Innovationsprojekt
Funktionale Merkmale ferkelführender Sauen – Ein Beitrag zur Züchtung und Eigenremontierung

Ferkel liegen neben der Muttersau im Stroh

Ferkel fühlen sich "sauwohl"

Im Fokus des Projektes steht das Verhalten der Sau rund um die Geburt. Freies Abferkeln erhöht das Wohlbefinden der Sau. Doch sollte es nicht zu vermehrten Ferkelverlusten und zur Gefährdung des Tierhalters bei Maßnahmen am Tier führen. Das Verhalten der Sau bei der Geburt und an den darauffolgenden Tagen hat maßgebenden Einfluss auf die Aufzuchtleistung und den Arbeitsaufwand, insbesondere bei freien Abferkelsystemen. Daher wird dem Verhalten der Sau in der Zucht zunehmend mehr Bedeutung zukommen.

Aktivierung erforderlichYouTube-Logo

Durch das Klicken auf diesen Text werden in Zukunft YouTube-Videos im gesamten Internetauftritt eingeblendet.
Aus Datenschutzgründen weisen wir darauf hin, dass nach der dauerhaften Aktivierung Daten an YouTube übermittelt werden.
Auf unserer Seite zum Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und können diese Aktivierung wieder rückgängig machen.
Mütterliche Sauen statt Kastenstand | Beitrag des BR aus der Sendung "Unser Land", 03.07.2020
Volltextalternative des Videos "Mütterliche Sauen statt Kastenstand"
Der Film zeigt den Sauenbetrieb von Christian Zellner in Kelheim (Lkr. Kelheim). Er erfasst seit eineinhalb Jahren für die LfL die Mütterlichkeitsdaten seiner 230 Sauen. Alle drei Wochen ferkeln 34 Sauen bei ihm ab. Elisabeth Sinz, die das Projekt an der LfL bearbeitet, besucht Christian Zellner. Sie hat mit ihrem Team für das Forschungsprojekt den Erhebungsbogen entwickelt. Wichtig sind hierbei bestimmte Merkmale, die Einfluss auf die Mutterqualitäten haben. Das sind das Nestbauverhalten kurz vor der Geburt, die Geburt an sich, die Homogenität des Wurfes, die Vitalität der Ferkel, der Gesundheitsstatus der Sau nach der Geburt und ihr Verteidigungsverhalten.
Gute Muttereigenschaften, wie z.B. vorsichtiges Ablegen und umgängliches Verhalten dem Landwirt gegenüber, sind für ihn wichtiger als früher, da in seinem neuen Stall sog. Bewegungsbuchten eingebaut sind. Die Sauen haben hier mehr Platz und werden nur noch kurzzeitig fixiert. Im alten Stall mit den Ferkelschutzkörben hat er bislang 4 Prozent weniger Verluste als in den Bewegungsbuchten. Elisabeth Sinz ist jedoch überzeugt, dass sich die Ferkelverluste in den Bewegungsbuchten minimieren lassen, wenn der Sauenbestand schrittweise durch mütterliche Sauen ersetzt wird. Die Projektdaten unterstreichen das. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass z.B. das Geburtsverhalten eine wichtige Rolle spielt, ebenso homogene und vitale Würfe.
Im weiteren Verlauf des Films besucht Elisabeth Sinz den Bio-Betrieb von Florian Doll in Nittenau (Lkr. Schwandorf). Öko-Ferkelerzeuger Florian Doll ist einer der Pioniere im Projekt. Bereits seit fünf Jahren erfasst er die Mütterlichkeitsmerkmale seiner Tiere. Gerade bei der Bio-Sauenhaltung, bei der die Sau nur in Ausnahmefällen fixiert werden darf, ist es wichtig, umgängliche Sauen gegenüber dem Landwirt zu haben, die gleichzeitig auch gut auf ihre Ferkel aufpassen. In den letzten fünf Jahren hat Florian Doll nur noch Sauen mit guten Mütterlichkeitsmerkmalen aus der eigenen Nachzucht gedeckt. Beim freien Abferkeln im Stall mit Stroh kann die Sau ihr natürliches Nestbauverhalten vor der Geburt ausleben.
Genügt es, die Sauen auf Mütterlichkeit zu selektieren? Florian Doll berichtet von seinen Erfahrungen, dass gute Muttereigenschaften nicht nur Tier-, sondern auch Rassebedingt sind. Mit den Erfahrungen aus dem Projekt hat Florian Doll zwei Ferkel pro Sau und Jahr mehr. Florian Doll beschreibt auch den Gruppenabferkelstall, in dem fünf bis sechs Sauen gemeinsam abferkeln und danach zusammen ihre Ferkel aufziehen. Auf seinem Betrieb hält Florian Doll 40 Muttersauen mit ca. 4-6 Geburten alle drei Wochen. Er diskutiert die Übertragbarkeit freien Abferkelns für größere Betriebe hinsichtlich Platzbedarf, Management und Genetik.
Das Forschungsprojekt zeigt deutlich, dass es für tiergerechtes freies Abferkeln ohne Kastenstand nicht nur eine andere Aufstallung braucht, sondern auch andere Sauen.
Abstract
In organic farming free farrowing is required by law. Free farrowing systems are also increasingly being considered in conventional pig farming. They allow sows to perform their natural behaviours and meet growing demands for increased animal welfare. However, there are two significant disadvantages: higher piglet losses, in particular due to crushing, and a potentially dangerous situation for the farmer, who has to deal with the defensive behaviour of the sow protecting her piglets. Therefore, free farrowing requires sows that show good maternal behaviour and are easy to deal with.

The project “Functional features of lactating sows – a contribution to breeding and restocking” therefore focusses on the behaviour of the sow during and after farrowing. The behaviour of the sow during farrowing and the period thereafter significantly influences rearing performance and the amount of work required, particularly in free farrowing systems.

The aim of the project is the development of a tool to assist piglet producers in choosing sows with good maternal behaviours for restocking. It is intended that the sows are assessed in terms of functional criteria, and that these results can then be used when making breeding decisions.

Hintergrund

Freies Abferkeln ist im ökologischen Landbau gesetzlich vorgeschrieben. Aber auch in der konventionellen Schweinehaltung werden freie Abferkelsysteme zunehmend diskutiert. Sie ermöglichen den Sauen, sich frei zu bewegen und so ihre natürlichen Verhaltensweisen besser auszuleben. Damit entsprechen sie den wachsenden Forderungen seitens der Verbraucher nach mehr Tierwohl.
Doch es gibt zwei wesentliche Nachteile des freien Abferkelns, die bislang noch nicht zufriedenstellend gelöst sind:
  • Die Höhe der Saugferkelverluste, insbesondere der Anteil an erdrückten Ferkeln, steht der aus der fixierten Haltung immer noch nach. Sie lassen sich zwar durch die Optimierung von Geburtsüberwachung, Haltung, Ferkelnestnutzung und eine intensive Tierbetreuung reduzieren, erreichen aber meist noch nicht das Niveau der konventionellen Haltung.
  • Der Sauenhalter ist dem Verteidigungsverhalten der Sau zum Schutz ihrer Ferkel direkt ausgesetzt. Dies kann die Arbeitssicherheit sowie das Arbeitszeitmanagement beeinträchtigen.
Folglich erfordert das freie Abferkeln besonders mütterliche und umgängliche Sauen.

Ziel

Ziel ist die Entwicklung eines Tools mittels dessen Ferkelerzeuger mütterliche und umgängliche Sauen für die Nachzucht auswählen können. Die Sauen sollen hinsichtlich funktionaler Kriterien bewertet werden und die Ergebnisse in züchterische Entscheidungen einfließen.

Methode

Sau und Ferkel im Auslauf mit Stroh.
Im vorliegenden Projekt wird eine Methode zur Beurteilung des Sauenverhaltens (Mütterlichkeit und Umgänglichkeit) rund um die Geburt entwickelt. Verschiedenen Verhaltensmerkmale werden auf Validität und Erfassbarkeit getestet.
Mit der entwickelten Methode sollen die Mütterlichkeit und Umgänglichkeit von Sauen im laufenden Betrieb mit wenig Aufwand erfasst und ausgewertet werden können. Diese Daten werden zunächst zur Eigenremontierung genutzt und können später als Basis für die Zuchtwertschätzung auf Umgänglichkeit dienen. Derzeit werden Nestbauverhalten, selbstständiges Abferkeln und Wurfqualität, kontrolliertes Abliegeverhalten im Zusammenhang mit Saugferkelverlusten durch Erdrücken sowie Verteidigungsverhalten bewertet.
Das Projekt erfolgt in Zusammenarbeit mit ökologischen und konventionellen Ferkelerzeugerbetrieben in Bayern. Diese führen Verhaltensbeobachtungen in der kritischen Phase, das heißt in der ersten Lebenswoche der Ferkel, durch. Das LKV Bayern e.V. unterstützt uns bei der Datenerfassung. Die LKV-Ringberater übertragen die Beobachtungen der Tierhalter zum Verhalten der Sau sowie die Leistungsdaten der Sau in den Sauenplaner. Eine anschließend erstellte Auswertung der aktuellen Würfe soll den Ferkelerzeugern als Entscheidungshilfe für die Eigenremontierung zur Verfügung gestellt werden.

Ergebnisse

Im Laufe des Projektes kristallisierten sich drei Merkmale als langfristig entscheidende Parameter für die Eigenremontierung in der Praxis heraus:
  • Das Geburtsverhalten
  • Die Wurfqualität zur Geburt
  • Die Umgänglichkeit der Sauen bei Maßnahmen an den Ferkeln
Insbesondere das Geburtsverhalten hat einen großen Einfluss auf die Aufzuchtleistung. Eine gute Geburt geht mit einer geringeren Anzahl tot geborener Ferkel (p < 0,001), einer höheren Anzahl abgesetzter Ferkel (p = 0,002) und folglich mit geringeren prozentualen Saugferkelverlusten einher (p = 0,027).
Darüber hinaus hängt die Aufzuchtleistung sehr stark von der Wurfqualität ab. Bei vitalen und homogenen Würfen sind die durchschnittlichen Geburtsgewichte signifikant höher (p < 0,001). Zwar werden durchschnittlich weniger lebende Ferkel geboren (p < 0,001), durch deutlich reduzierte prozentuale Saugferkelverluste werden nach durchschnittlich 49 Tagen Säugezeit jedoch mehr Ferkel abgesetzt (p < 0,001). Zusätzlich ist die Anzahl Totgeborener bei einer guten Wurfqualität signifikant niedriger (p = 0,004).
Außerdem konnten die Ergebnisse zeigen, dass die Aufzuchtleistung und die Umgänglichkeit nicht negativ miteinander korreliert sind. Folglich können Tierhalter Sauen mit einem starken Verteidigungsverhalten ohne Leistungseinbußen aus dem Bestand nehmen.
Informationsmaterialien und Publikationen
Projektinformation
Projektleitung: Sabine Obermaier, LfL Institut für Ökologischen Landbau, Bodenkultur und Ressourcenschutz (IAB)
Projektbearbeitung: Elisabeth Sinz, Dr. Simone Helmreich, IAB
Projektpartner: LfL Institut für Tierzucht (ITZ), LfL Institut für Landtechnik und Tierhaltung (ILT), LVFZ für Ökologischen Landbau Kringell, Öko-Erzeugerringe Bayern, LKV Bayern e.V., HBLFA Raumberg-Gumpenstein
Laufzeit: (06/2015 - 04/2018) 05/2018 - 12/2020
Finanzierung: Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Fördernummer: A/15/09, A/18/09