Reduktion von Mähtod bei Wildtieren am Beispiel von Rehkitzen - Projektteil Verfahren und Verfahrenstechnik zur Wildtierrettung mittels Detektion und Vergrämung

Scheuche mit Ton/Licht die zur Vergrämung von Rehkitzen auf einer zu mähenden Fläche.
Die systematische Erprobung sowie Verfahrensbewertung und -optimierung steht im Vordergrund des Projektteils Wildtierrettungsmaßnahmen und –techniken.
Wichtig für ein aussagekräftiges Ergebnis ist auch die Datenerfassung von Landwirten, Jägern und ehrenamtlichen Wildtierrettern in der Fläche.

Hintergrund und Problemstellung

Schlagkräftige Technik steht zum Mähen bereit

In Bayern haben Milchviehbetriebe heute durchschnittlich rund 40 Milchkühe pro Betrieb. Doch die Entwicklung bei den Tierzahlen pro Betrieb gewinnt in den letzten Jahren an Dynamik und bereits heute gibt es mehr als 1.400 Betriebe mit mehr als 100 Stück Milchvieh. Entsprechend nimmt auch die zu bewirtschaftende Fläche pro Betrieb weiter zu. Ebenso gibt es viele Biogasanlagen, bei denen als Substrat der Aufwuchs von Grünland und Feldfutterbauflächen, insbesondere sehr häufig Grünroggen verwendet wird. Somit wird eine hohe Schlagkraft bei der Grünland- und Feldfutterbaumahd und –ernte benötigt. Diese ist bei den Landwirten, Maschinenringen und Lohnunternehmern heute auch verfügbar und entsprechende Maschinen sind im Einsatz. Oft werden diese Maschinen von betriebsfremden Fahrern gesteuert, die das Umfeld und die Wildbestände des einzelnen Schlags nicht näher kennen. Aufgrund von Wetter, Personalverfügbarkeit und Maschinenauslastung besteht bei der Mahd zusätzlich hoher Zeitdruck.

Wildtiere müssen bei der Mahd eingeplant werden

Jährlich werden Rehkitze und andere Wildtiere von landwirtschaftlichen Maschinen bei der Frühjahrsmahd erfasst und getötet. Verschiedene technische Lösungen zur Detektion der Rehkitze sind auf dem Markt und werden derzeit von der LfL getestet. Mit der aktuell verfügbaren Technik ist es jedoch unmöglich, die gesamte Grünland- und Feldfutterbaufläche nach Rehkitzen und weiteren Wildtieren abzusuchen. Deshalb ist es notwendig, die Gefährdungskulisse basierend auf den erhobenen Daten zu den wildbiologischen Grundlagen und den Rehkitzpositionen zu charakterisieren und die Wirkung von präventiven Vergrämungsmaßnahmen zu untersuchen. Um eine effiziente und flächendeckende, auf die jeweiligen Notwendigkeiten für die einzelnen Flächen und Nutzungszeitpunkte optimierte Wildtierrettung zu erreichen und für diese auch eine weitreichende Akzeptanz bei den Landwirten und Jägern sowie in der breiten Gesellschaft zu erhalten, wird eine neutrale Entscheidungsgrundlage benötigt die im Rahmen des Projekts umfassend erarbeitet werden soll.

Teilprojektziele

Zielstellung des Forschungsprojekts ist es, Erkenntnisse und Instrumente zu entwickeln, die es Landwirten ermöglichen, den Tod von Wildtieren durch die Mahd zu vermeiden. Dies wird beispielhaft an Rehkitzen erarbeitet. Neben der bereits genannten Gefährdungskulisse beschäftigt sich dieser Projektteil im Speziellen mit den verschiedenen Maßnahmen und Verfahren zur Wildtierrettung. Ziel des Projektteils am ILT ist es daher, die im Vorgängerprojekt begonnene Technikerprobung fortzusetzen und im Verlauf des Projekts auch zusätzliche und neu auf den Markt kommende Techniken zu testen.
Dabei sollen belastbare Daten und Erkenntnisse zur Erfolgsquote, zum Arbeitszeitaufwand und zu den Kosten bei bestimmten Einsatzszenarien der einzelnen Methoden und Verfahren gewonnen werden. Anhand der erarbeiteten Ergebnisse sollen geeignete, flächig einsetzbare Wildtierrettungsstrategien in Kombination mit der Gefährdungsbeurteilung für die einzelne Fläche entwickelt werden. Schließlich sollen valide Methoden in den Mäh-Knigge integrieren werden, so dass die aktuellen Erkenntnisse schnell mithilfe eines systematischen, zielgruppenorientierten Wissenstransfers in die Praxis gelangen.

Methoden und Techniken

Datenerhebung

Dazu werden ab der Kitzsaison 2020 systematisch Daten zu den verschiedenen Techniken erhoben. Die Rehkitze werden mit den Techniklösungen (verschiedene Drohnen mit Wärmebildkamera, tragbarer Wildretter, Sensorsystem am Mähwerk) vor und während der Mahd detektiert und geborgen. Daneben werden derzeit praktizierte Strategien zur Vermeidung des Mähtods wie z. B. Mähen von innen nach außen, Aufstellen von Scheuchen (mit Tonsignal, Ton- und Lichtsignal, Verstänkerung usw.) getestet und bewertet. In Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen sollen Aussagen zur Fehlerrate, Spezifität und Sensitivität erfolgen sowie Empfehlungen für den Anwender abgeleitet werden. Angestrebt wird die Erprobung der Techniken in mindestens drei Gebieten mit mehr als 100 ha Grünland- und Feldfutterbaufläche pro Jahr. Im Verlauf des Projekts werden neue Systeme, welche die Marktreife erreichen, in die systematische Erprobung aufgenommen.

Rehkitzrettung

Wird mit den verschiedenen Techniken zur Suche von Rehkitzen eines gefunden, dann sollte es bis kurz vor der Mahd im Bestand mithilfe z. B. eines Wäschekorbs gesichert werden. Dabei sollte der Korb z. B. mit einem Stein beschwert werden, damit das Rehkitz nicht flüchtet. Erst wenn das Mähwerk am Schlag ist, wird das Rehkitz, ohne es mit bloßen Händen anzufassen, mithilfe des Korbes aus dem Bestand getragen und bis zum Abschluss der Mahd neben dem Schlag weiterhin mit dem Korb gesichert.

Maßnahmen

Drohne mit Wärmebildkamera

Steuerung der DrohneZoombild vorhanden

Steuerung der Drohne

Quadrocopter Matrice200
Beim Einsatz einer Drohne mit Wärmebildkamera werden die Wildtiere über Temperaturunterschiede zur Umgebung aufgespürt, wodurch sich deren Einsatz auf die Morgenstunden beschränkt. Der Quadrocopter (DJI Matrice200) mit Wärmebildkamera (DJI Zenmuse XT2, Wärmebild- und RGB-Kamera) und umfangreichem Softwarepaket ermöglicht als einziges System ein absätziges Arbeitsverfahren, bei dem der Pilot unabhängig vom Helfer agieren kann. Das Ergebnis der Wildtiersuche mit dieser Drohne ist eine GPS-Koordinate des vermuteten Wildtieres. Der Helfer kann diese nach dem Flug aufsuchen. Durch den zeitlichen Versatz kommt es aber vor, dass sich das Wildtier bewegt hat und daher erneut gesucht werden muss. Der Quadrocopter fliegt auf 50 m Höhe, so dass meist über allen Bäumen geflogen wird und die Flugplanung einfacher ist.
Drohne mit WärmebildkameraZoombild vorhanden

Drohne mit Wärmebildkamera

Hexacopter H520
Beim zweiten Typ, der am weitesten verbreiteten Kombination zur Wildtierrettung, dem Hexacopter H520 der Firma Yuneec mit der hier eingesetzten Kamera CGO ET (Wärmebild- und RGB-Kamera) lag die Flughöhe für die Wildtierrettung bei 20 m. Damit ist es notwendig, um Bäume im oder am Rand der zu befliegenden Fläche herumzufliegen. Ein Überflug ist bei 20 m Flughöhe nicht möglich. Die Wildtiersuche wird bei dieser Version vom Piloten während des Flugs anhand des Live-Bilds der Wärmebildkamera durchgeführt. Der Vorteil ist, dass bei einem vermuteten Wildtier tiefer gegangen werden kann und die Fundstelle zusätzlich mittels RGB-Kamera begutachtet werden kann, bevor ein Helfer an der Stelle nach dem potentiellen Wildtier sucht. Anders als bei der Profiversion ist für die H520 kein UAV-Kenntnisnachweis erforderlich
Rechtliche Voraussetzungen
Der UAV-Kenntnisnachweis wird aber generell für alle Drohneneinsätze empfohlen, da sich die wenigsten im Luftrecht auskennen und insbesondere beim Flug mit Drohnen eine Reihe von Geboten und Verboten zu beachten sind. So darf beispielsweise nicht bei Nacht sondern erst ab der bürgerlichen Dämmerung, das bedeutet ab einem Sonnenstand von 6° unter dem Horizont, geflogen werden. Ebenso gilt ein Flugverbot in Naturschutzgebieten, über und unter sowie 100 m neben Hochspannungsleitungen usw. Für den Flug schon vor der bürgerlichen Dämmerung oder in Naturschutzgebieten kann man eine Ausnahmegenehmigung bei der zuständigen Luftfahrtbehörde bzw. bei der Unteren Naturschutzbehörde beantragen. Weiterhin ist eine Aufstiegserlaubnis (idealerweise schriftlich) des Grundstückeigners für den Flug notwendig. Generell sollten die notwendigen Karten für den Flug bereits im Vorfeld auf dem Tablet gespeichert werden, da vor Ort oft eine schlechte Internetverbindung besteht und es dann nicht möglich ist, die Karten dort zu laden.

Tragbarer Wildretter

Tragbarer WildretterZoombild vorhanden

Tragbarer Wildretter

Das Aufspüren von Wildtieren mithilfe des tragbaren Wildretters bei beiden Einsatzarten, im Tragebetrieb oder auf dem Quad, erfolgt ebenfalls über einen Temperaturunterschied zwischen dem Wildtier gegenüber der umliegenden Umgebung. Beidseitig der zentralen Auswerteeinheit befindet sich beim tragbaren Wildretter ein ausziehbares Teleskoptragegestell mit 10 Sensoreinheiten im Abstand von 50 cm. Beim Fund eines Wildtieres wird der Sensor angezeigt, an dem es detektiert wurde und es ertönt ein Signalton. Zur Kontrolle dieser Stelle muss das Gestänge im Tragebetrieb abgelegt werden bzw. es muss mit dem Quad angehalten werden. Die Fahrgeschwindigkeit beim Einsatz auf dem Quad beträgt maximal 10 km/h, wobei 8-9 km/h anzustreben sind. Anders als die Drohnen kann der tragbare Wildretter aber schon vor oder nach der bürgerlichen Dämmerung eingesetzt werden, wobei der Einsatz auch meist nur am Morgen (und ggf. späten Abend) bei gegebenem Temperaturunterschied möglich ist.

Vergrämungsmaßnahmen (Scheuchen)

Vergrämungsmaßnahmen (Scheuchen)

Vergrämungsmaßnahmen (Scheuchen)

Scheuchen werden meist einen Tag vor dem Mähen in der Fläche aufgestellt. Dabei werden je nach verwendetem Modell unterschiedliche Aufstelldichten pro Hektar von den Herstellern empfohlen. Getestet werden Scheuchen mit akustischen Signalen, Scheuchen mit akustischen und visuellen Signalen, Scheuchen mit olfaktorischen Signalen sowie selbstgebaute Scheuchen mit Müllsack. Ebenso kommen akustische Wildretter, die direkt am Mähwerk befestigt werden zum Einsatz. Bei allen Vergrämungsmaßnahmen ist es entscheidend, dass der Reiz (akustisch, visuell oder olfaktorisch) neu auf der Fläche ist und somit die Geißen dazu veranlasst, die Kitze aus der Fläche zu holen.

Sensorsystem am Mähwerk

Sensorsystem am Mähwerk

Sensorsystem am Mähwerk

Noch nicht auf dem Markt erhältlich ist das System SENSOSAFE der Firma Pöttinger, das vor dem Mähwerk angebracht wird. Es detektiert die Wildtiere während der Mahd mithilfe von mehreren Sensortypen. Daher ist ein ganztägiger Einsatz des Systems möglich. Bei erfolgter Detektion z. B. eines Rehkitzes erhält der Fahrer ein Warnsignal und muss unverzüglich den Schlepper stoppen. Das Frontmähwerk hebt dabei automatisch aus. Anschließend setzt der Fahrer ein paar Meter zurück und stoppt das Mähwerk. Wenn das Mähwerk still steht, steigt er vom Schlepper ab und sieht nach, wo das detektierte Wildtier liegt und trägt es aus der Wiese oder er lässt den Bereich in dem es liegt beim Mähen aus. Das System wird in Zusammenarbeit mit dem Maschinenring Ostallgäu in der Saison 2020 getestet.
Weiterführende Informationen zum Thema
Ziel des Vorgängerprojekts (gefördert vom StMELF, Förderkennzeichen A/18/19) war es, die derzeit verfügbaren Techniken zur Wildtierrettung in der Praxis zu erproben und zu bewerten sowie den Wissenstransfer zum Thema Wildtierrettung z. B. mit einem Mäh-Knigge zu intensivieren.
Projektinformation
Projektleitung: Stefan Thurner
Projektbearbeitung: Dr. Juliana Macuhova und Tamara Wiesel
Kooperationspartner: Technische Universität München, Lehrstuhl für Ökoklimatologie, Frau Prof. Dr. Annette Menzel und Wissenschaftszentrum Weihenstephan, Wildbiologie und Wildtiermanagement, Herr Prof. Dr. Andreas König sowie Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, Frau Dr. Wibke Peters
Laufzeit: 2020-2022
Finanzierung: Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten StMELF
Förderkennzeichen: A/19/17