Untersuchungen zum Rohproteinbedarf von Fleckviehbullen

Bullen am Wiegetrog
Die Mast von Fleckviehbullen ist eine relativ effiziente Form der Rindfleischerzeugung. Beim Standardverfahren auf Basis Silomais wird eine N-Effizienz von 23 % unterstellt (Spiekers, 2015). Im Vergleich zu anderen Formen der Fleischerzeugung (Geflügel und Schwein) ist dennoch ein relativ hoher Aufwand an Futterprotein gegeben. Ein Ansatzpunkt zur Minderung ist die Phasenfütterung.
Vor allem in der Mast besteht über den tatsächlichenBedarf an Rohprotein (XP) der Rinder allerdings Unklarheit. Die sehr alten bundesweit gültigen Normen zur Rohproteinversorgung (GfE 1995) gehen von relativ niedrigen täglichen Zuwachsleistungen und Schlachtgewichten aus, sodass diese Daten für die heutigen Bedingungen in der intensiven Bullenmast (insbesondere Genetik) unter Umständen nicht mehr passen.
Aus diesem Grund sollte an Hand von mehreren dose-response-Versuchen abgeklärt und dargestellt werden, wie weit die Rohproteinversorgung in der Rindermast ohne negative Effekte auf die Leistung abgesenkt werden kann und wie der Rohproteinbedarf in der Bullenmast unter derzeitigen Bedingungen einzuschätzen ist.
Die Untersuchungen wurden im Rahmen der bayerischen Eiweißinitiative durchgeführt.

Material und Methoden

Versuch 1

  • 60 Jungbullen in 5 Gruppen mit je 12 Tieren
  • Anfangsgewicht 216 kg
  • Fütterungsgruppen: Abstufung der Rohproteinversorgung von Beginn an bis zur Schlachtung
    • Stufe 1: 8,3 % XP in der TM
    • Stufe 2: 10,3 % XP in der TM
    • Stufe 3: 12,3 % XP in der TM
    • Stufe 4: 14,4 % XP in der TM
    • Stufe 5: 16,4 % XP in der TM

Versuch 2

  • 72 Jungbullen in 6 Gruppen mit je 12 Tieren
  • Anfangsmast über 100 Tage mit einer einheitlicher TMR (11,7 MJ ME/kg TM, 14,1% XP in der TM)
  • Fütterungsgruppen: Abstufung der Rohproteinversorgung ab einem Alter von 263 Tagen
    • Stufe 1: 9,2 % XP in der TM
    • Stufe 2: 11,1 % XP in der TM
    • Stufe 3: 13,1 % XP in der TM
    • Stufe 4: 15,1 % XP in der TM
    • Stufe 5: 17,2 % XP in der TM
    • Stufe H13: 11,1% XP in der TM mit Harnstoffergänzung auf 13,4% XP in der TM
  • einheitliche Versorgung ab der Endmast mit einer TMR mit 11,5 MJ ME/kg TM und 12,2% XP in den Stufen 1-5, Gruppe mit Harnstoffergänzung behielt diese bei

Versuch 3

  • 72 Jungbullen in 6 Gruppen mit je 12 Tieren
  • Anfangsmast und Mittelmast mit einer einheitlicher TMR (11,2 MJ ME/kg TM, 13% XP in der TM)
  • Fütterungsgruppen: Abstufung der Rohproteinversorgung ab einem Gewicht von rund 490 kg bzw. einem Alter von 320 Tagen
    • Stufe 1: 7,9 % XP in der TM
    • Stufe 2: 9,8 % XP in der TM
    • Stufe 3: 11,7 % XP in der TM
    • Stufe 4: 13,6 % XP in der TM
    • Stufe 5: 15,5 % XP in der TM
    • Stufe H10: 7,9% XP in der TM mit Harnstoffergänzung auf 9,8% XP in der TM
Die Schlachtung erfolgte in allen drei Versuchen unabhängig vom Lebendgewicht rund um den 500. Lebenstag.

Ergebnisse und Diskussion

Futteraufnahme und tägliche Zunahmen

In allen vorgestellten Versuchen und Mastabschnitten zeigt sich innerhalb eines bestimmten Bereiches zunächst ein positiver Einfluss steigender XP-Gehalte der Ration auf die Futteraufnahme. Dabei muss darauf hingewiesen werden, dass deutliche Effekte auf die Futteraufnahme nur bei sehr niedrigen XP-Gehalten bzw. sehr weiter Spreizung der XP-Gehalte zwischen den Fütterungsgruppen zu erwarten sind. Als ursächlich für den verzehrssteigernden Effekt steigender XP-Gehalte der Ration werden positive Effekte auf die Verdaulichkeit diskutiert. In den hier dargestellten Versuchen zeigte sich durchgängig eine tendentiell sinkende Futteraufnahme in der höchsten XP-Versorgungsstufe im Vergleich zur optimalen Stufe.
Darüber hinaus ergeben sich jedoch über den Einfluss auf die Futteraufnahme und die Energieversorgung weitere Effekte, die nur indirekt als Frage des XP-Bedarfes von Mastbullen zu sehen sind. Jeweils von der 4. zur höchsten XP-Versorgungsstufe zeigt sich ein Rückgang in den täglichen Zunahmen. Dieser Effekt ist zwar jeweils nicht signifikant, aber vom numerischen Wert teils doch beträchtlich und darüber hinaus in allen dargestellten Versuchen ersichtlich. Leistungsdepressionen bei zu hoher XP-Versorgung sind durch den energieaufwändigen Prozess der Harnstoffsynthese zu erklären, der letztendlich auch eine verstärkte Leberbelastung darstellen kann. Die vorliegenden Daten zeigen auch, dass eine XP-Versorgung oberhalb des für das Wachstum benötigten Niveaus letztlich nur noch die N-Ausscheidungen erhöhen werden und dementsprechend negative Umweltwirkung haben können.
Übersicht über die TM-Aufnahmen und täglichen Zunahmen in den 3 Versuchen
XP-StufenStufe 1Stufe 2Stufe 3Stufe 4Stufe 5Stufe 1 bzw. 2 mit Harnstoff
Versuch 1      
TM-Aufnahme (kg/d)7,18,38,99,68,9-
Zunahmen (g/d)9411307149616071499-
Versuch 2      
TM-Aufnahme (kg/d)9,18,79,39,28,88,7
Zunahmen (g/d)149515461579157214691589
Versuch 3      
TM-Aufnahme
(kg/d, Endmast)
9,510,010,611,210,59,6
Zunahmen (g/d)141615261649168316481427

Ableitung des Rohproteinbedarfs

Skizze als LiniendiagrammZoombild vorhanden

broken-line-modell für die Bedarfsableitung in der Anfangsmast

Anfangsmast
In vorliegender Arbeit wurde der Rohproteinbedarf in der Mast mit Fleckvieh mit Hilfe des broken-line-Modells abgeleitet.
Zur vergleichenden Einordnung der aus der Bedarfsableitung resultierenden Werte wurden die Versorgungsempfehlungen der GfE (1995) herangezogen. Da in diesen Empfehlungen die vorliegend hohen Zuwachsraten und im Bereich der Endmast die hohen Endgewichte nicht abgebildet sind wurde der Versuch unternommen, die Angaben der GfE (1995) zu extrapolieren. Im Bereich der Anfangsmast wurde der XP-Bedarf zur Maximierung der täglichen Zunahmen auf etwa 900 g/Tier und Tag geschätzt, was erheblich niedriger liegt als die Versorgungsempfehlungen vermuten lassen. Die gültigen Versorgungsempfehlungen (GfE, 1995) enthalten keine Angaben zum optimalen XP-Gehalt der Ration. Aus den Abschätzungen zur Futteraufnahme bei GfE (1995) und den Empfehlungen zur täglichen Rohproteinzufuhr im Bereich der Anfangsmast errechnet sich jedoch ein XP-Gehalt, der weit über den vorliegend abgeleiteten 13,7 % der TM liegt. Unabhängig von der bei GfE (1995) unterstellten und der im Versuch erreichten Energieversorgung ergibt sich vorliegend auch ein verhältnismäßig niedriges optimales XP/ME-Verhältnis.
Mittel- und Endmast
Im Bereich der Mittelmast ergibt sich aus Versuch 2 eine erforderlich tägliche Aufnahme an XP von etwa 1.150 g zur Maximierung der täglichen Zunahmen im Bereich von 1.600 g, was gut mit den in Deutschland gültigen Versorgungsempfehlungen übereinstimmt. Da im Versuch jedoch sehr hohe Futteraufnahmen erreicht wurden, liegt der optimale XP-Gehalt der Ration mit 12,5 % der TM jedoch deutlich geringer als nach den aus GfE (1995) abgeleiteten Daten. Das aus vorliegendem Versuch abgeleitete anzustrebende XP/ME-Verhältnis von 10,7 g/MJ ME liegt unter den Angaben bei GfE (1995) für die Mittelmast. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Energiekonzentration mit 11,7 MJ ME/kg TM sehr hoch liegt. Aus dem Versuch zur Endmast lassen sich Versorgungsempfehlungen ableiten, die mit den Angaben bei GfE (1995) weitgehend in Einklang zu bringen sind. Zu berücksichtigen ist, dass die Angaben zur Endmast bei GfE (1995) einen anderen Gewichtsbereich umschreiben, als in vorliegender Untersuchung überprüft. Insgesamt ergibt sich, dass für die Praxis die Futteraufnahme und der XP-Gehalt der Ration in die Versorgungsempfehlungen miteinzubeziehen sind. Dies ist auch deshalb von Bedeutung da der XP-Gehalt der Ration wie gezeigt die Futteraufnahme stark beeinflusst. Für die Versuchsanstellung lässt sich ableiten, dass der XP-Bedarf für die verschiedenen Mastbereiche in separaten Untersuchungen abgeleitet werden sollte. Dies wird durch die starken kompensatorischen Wachstumseffekte im Versuch zur Mittelmast unterstrichen.
Gegenüberstellung des aus den Versuchen resultierenden XP-Bedarfes mit aus den Empfehlungen der GfE (1995) abgeleiteten Werten (nach GfE (1995) teils hochgerechnet, da tatsächliche Zunahmen und Endmastgewicht höher als tabelliert)
 XP, g/TagTM, kg/TagXP,% TMXP/ME, g/MJ
Anfangsmast    
GfE,1800 g Zuwachs10986,018,213,5
Versuch 1, 1830 g Zuwachs9116,413,711,7
Mittelmast    
GfE, 1600 g Zuwachs11558,214,111,5
Versuch 2, 1644 g Zuwachs11549,112,510,7
Endmast    
GfE, 1500 g Zuwachs126010,012,210,7
Versuch 3, 1540 g Zuwachs131010,412,210,9

Empfehlungen für die Fütterungspraxis

Die aufgeführten Versuchsergebnisse wurden dem Ausschuss für Bedarfsnormen der GfE zur Überprüfung und Weiterentwicklung der Empfehlungen von 1995 zur Verfügung gestellt. Eine Arbeitsgruppe fasst aktuell die insgesamt vorliegenden Ergebnisse zusammen, um für die aktuelle Situation mit höheren Endgewichten und höheren Zunahmen konkrete Empfehlungen abzuleiten. Die von der LfL für die Beratung genutzten „Gruber Tabellen“ stehen in ihren Empfehlungen zur konkreten Rationsgestaltung in weitgehender Übereinstimmung mit den hier dargestellten Versuchsergebnissen und werden daher bis zur Vorlage neuerer Empfehlungen der GfE genutzt.

Ausführlicher Bericht: Untersuchungen zum Rohproteinbedarf von Fleckviehbullen pdf 51 KB

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