Forschungs- und Innovationsprojekt
Luzernecobs beziehungsweise pelletierte Melasseschnitzel als Beifutter zur Verminderung von Schwanzbeißen

Gruppe von Ferkeln mit nicht kupierten Schwänzen an einem Trog mit Luzernecobs
Im Rahmen der aktuellen Diskussion um das Kürzen von Schwänzen in der Schweinehaltung wird untersucht, wie sich durch Fütterungsmaßnahmen Aggressionen und Fehlverhalten bei nicht schwanzkupierten Ferkeln vermindern lassen. Dabei steht die Versorgung an Faser im Vordergrund. In vorausgegangenen Versuchen konnte durch Beifütterung von faserreichen Futtermitteln wie Luzerneheu, Maissilage oder Grascobs ein positiver Effekt auf die Futteraufnahme und Leistung in der Ferkelaufzucht gezeigt werden. Auch im Zusammenhang mit Schwanzbeißen haben sich diese Faserträger als beeinflussend erwiesen.
Luzernecobs beziehungsweise pelletierte Melasseschnitzel sind kompakt und in der Praxis gut händelbar. In vorliegender Untersuchung wurde zunächst getestet, wie sich eine unterschiedliche Vorlage von Luzernecobs - separat oder ins Futter eingemischt - auf Futteraufnahme und Leistung sowie auf das Schwanzbeißen und die Kotbeschaffenheit bei nicht schwanzkupierten Ferkeln auswirkt.
In einer zweiten Versuchsreihe wurde getestet, ob die sich die separate Vorlage von pelletierten Melasseschnitzeln ähnlich auswirkt wie die von Luzerencobs.

Versuchsdurchführung

Insgesamt wurden vier Fütterungsversuche mit Ferkeln durchgeführt. Das Ferkelfutter wurde mittels einer Spotmixanlage breiig vorgelegt. Für die Versuche wurden jeweils 192 nicht schwanzkupierte Ferkel ausgewählt und nach Gewicht, Geschlecht und Abstammung gleichmäßige auf jeweils zwei Versuchsgruppen aufgeteilt. Pro Versuchsgruppe wurden 96 Tiere in 8 Buchten zu je 12 Tieren auf Kunststoffspalten ohne Einstreu gehalten. Die Versuche 1 und 2 starteten 5 Tage nach dem Absetzen und dauerten sechs Wochen. Die Versuche 3 und 4 hatten ebenfalls eine Versuchsdauer von sechs Wochen, begannen aber unmittelbar nach dem Absetzen.
  • Versuch 1:
    • Gruppe 1: Standardfutter ohne Rohfaserergänzung, keine separate Vorlage von Luzernecobs
    • Gruppe 2: Standardfutter ohne Rohfaserergänzung, Vorlage von Luzernecobs in separate Tröge
  • Versuch 2:
    • Gruppe 1: Geschrotete Luzernecobs, eingemischt ins Ferkelaufzuchtfutter entsprechend dem Verbrauch von Versuch 1; keine separat Vorlage von Luzernecobs
    • Gruppe 1: Standardfutter ohne Rohfaserergänzung, Vorlage von Luzernecobs in separate Tröge
  • Versuche 3 und 4:
    • Gruppe 1: Standardfutter ohne Rohfaserergänzung, keine separate Vorlage von pelletierten Melasseschnitzeln
    • Gruppe 2: Standardfutter ohne Rohfaserergänzung, Vorlage von pelletierten Melasseschnitzeln in separate Tröge
Die Kraftfuttermengen und der Verbrauch Luzernecobs beziehungsweise pelletierten Melasseschnitzeln wurden täglich pro Bucht erfasst. Die Ferkel wurden wöchentlich einzeln gewogen, ihre Schwänze wurden - nach Auftreten von Schwanzbeißen - mehrmals pro Woche auf Verletzungen und Teilverluste bonitiert.

Ergebnisse

Versuche mit Luzernecobs

Aufzuchtleistungen
Die separate Vorlage von Luzernecobs führte in den Versuchen 1 und 2 zu einem höheren Futterverbrauch und höheren täglichen Zunahmen. In Versuch 1 waren sowohl Futterverbrauch als auch die täglichen Zunahmen bei der separaten Cobsvorlage signifikant höher. Der Futteraufwand war in Versuch 1 bei der separaten Cobsvorlage ungünstiger. In Versuch 2 waren nur die täglichen Zunahmen signifikant erhöht. Der Futterverbrauch lag in beiden Gruppen bei 1,9 Kilogramm pro Kilogramm Zuwachs. Sowohl in Versuch 1 als auch Versuch 2 wurden zu Beginn der Aufzucht 20 Gramm Luzernecobs pro Tier und Tag verbraucht. Während sich in Versuch 1 der Verbrauch an Luzernecobs ab der 4. Aufzuchtwoche kontinuierlich bis zum Versuchsende auf etwa 150 Gramm erhöhte, pendelte er sich in Versuch 2 wie auch in vorrausgegangenen Versuchen mit kupierten Ferkel bei Grascobs beziehungsweise Strohpellets auf etwa 60 bis 80 Gramm pro Tier und Tag ab der 4. Versuchswoche ein. Möglicherweise beförderten die Tiere von Versuch 1 mehr zerkaute Luzernecobs durch den Spaltenboden.
Aufzuchtleistung, Futteraufnahme und Futteraufwand
 Versuch 1Versuch 1Versuch 2Versuch 2
 Luzernecobs separatkeine LuzernecobsLuzernecobs separatLuzernecobs geschrotet im Futter
Tägliche Zunahmen (g)575543486453
Futterverbrauch (g)1109947925870
Futteraufwand (kg/kg Zuwachs)1,921,741,881,91
Schwanzbeißen
Auf das Schwanzbeißgeschehen wirkte sich die separate Vorlage der Luzernecobs in Versuch 1 und 2 günstig aus, es waren deutlich weniger Teilschwanzverlust zu beklagen als bei der Standardfütterung. Das Einmischen geschroteter Luzernecobs in das Ferkelfutter zeigte in Versuch 2 keine Wirkung. Es waren deutlich mehr Teilschwanzverlust zu beklagen als bei der separaten Vorlage der Luzernecobs.
Schwanzkürzungen
 Versuch 1Versuch 1Versuch 2Versuch 2
 Luzernecobs separatkeine LuzernecobsLuzernecobs separatLuzernecobs geschrotet im Futter
ohne Schwanzverluste (% der Tiere)67368440
bis zu 1/3 Schwanzverlust (% der Tiere)31481236
bis zu 2/3 Schwanzverlust (% der Tiere)216319
über 2/3 Schwanzverlust (% der Tiere)  15

Versuche mit Trockenschnitzel

Aufzuchtleistungen
Im Mittel von Versuch 3 wurden mit 512 beziehungsweise 503 Gramm in beiden Gruppen vergleichbar hohe Tageszunahmen erzielt. Auch der Futterverbrauch lag mit 825 und 852 Gramm auf einem ähnlichen Niveau. Der daraus ermittelte Futteraufwand je Kilogramm Zuwachs ergab in der Gruppe mit pelletierten Melasseschnitzeln 1,70 Kilogramm pro Kilogramm Zuwachs und war signifikant um 0,1 Kilogramm erhöht. Aufgrund eines Krankheitsausbruchs fielen mit sieben Tieren pro Versuchsgruppe relativ viele Tiere aus. Der Versuch wurde dennoch ausgewertet. Versuch 4 verlief mit weniger Komplikationen. Es ergaben sich in der Gruppe mit pelletierten Melasseschnitzeln im Mittel mit 497 Gramm fast 90 Gramm höhere Tageszunahmen als in der Gruppe ohne Beifütterung. Auch der Futterverbrauch war mit knapp 850 Gramm pro Tier und Tag um etwa 120 Gramm höher. Sowohl bei den Tageszunahmen als auch beim Futterverbrauch waren die Unterschiede zwischen den Versuchsgruppen statistisch signifikant. Der ermittelte Futteraufwand je Kilogramm Zuwachs war in der Gruppe mit pelletierten Melasseschnitzeln um 0,09 Kilogramm höher.
Der Verbrauch an pelletierten Melasseschnitzel lag in Beiden im Mittel bei 35 Gramm pro Tier und Tag und war niedriger als der Verbrauch an Luzernecobs der Versuche 1 und 2.
Aufzuchteistung, Futterverbrauch und Futteraufwand
 Versuch 3Versuch 3Versuch 4Versuch 4
 pelletierte Melasseschnitzel separatkeine pelletierten Melasseschnitzelpelletierte Melasseschnitzel separatkeine pelletierten Melasseschnitzel
Tägliche Zunahmen (g)503512497409
Futterverbrauch (g)852825847730
Futteraufwand (kg/kg Zuwachs)1,701,601,771,68
Schwanzbeißen
Auf das Schwanzbeißgeschehen wirkte sich die separate Vorlage der Trocken in beiden Versuchen günstig aus. Insbesondere im Versuch 3 waren deutlich weniger Teilschwanzverluste zu beklagen als bei der Standardfütterung. In Versuch 4 war das Schwanzbeißgeschehen bei Standardfütterung weniger deutlich ausgeprägt als in den Versuchen 1 bis 4. Dennoch konnte auch hier ein positiver Effekt der separaten Trockenschnitzelvorlage beobachtet werden, insbesondere bei den Teilverlusten von über einem Drittel.
Schwanzkürzungen
 Versuch 3Versuch 3Versuch 4Versuch 4
 pelletierte Melasseschnitzel separatkeine pelletierten Melasseschnitzelpelletierte Melasseschnitzel separatkeine pelletierten Melasseschnitzel
ohne Schwanzverluste (% der Tiere)71476765
bis zu 1/3 Schwanzverlust (% der Tiere)23413125
bis zu 2/3 Schwanzverlust (% der Tiere)612210

Fazit

Das Beifüttern von Luzernecobs beziehungsweise von pelletierten Melasseschnitzeln erhöhte in drei der vier Versuche die Aufnahme an Ferkelaufzuchtfutter deutlich. Auch auf die täglichen Zunahmen zeigte die Beifütterung einen gerichteten positiven Effekt. Das Einmischen von geschroteten Luzernecobs ins Ferkelaufzuchtfutter verminderte auftretendes Schwanzbeißen nicht. Demgegenüber halbierte die separate Vorlage von Luzernecobs beziehungsweise von pelletierten Melasseschnitzeln im Mitteln aller Versuche den Anteil von Teilschwanzverlusten von 53 auf 27 Prozent. Dies ist zwar bezüglich des Schwanzbeißens noch kein befriedigendes Ergebnis, aber zusammen mit weiteren Maßnahmen wie Buchtengestaltung, Beschäftigungsmöglichkeiten oder der Gabe von speziellen Futterzusatzstoffen etc. kann die separate Vorlage von Faserkomponenten wie Luzernecobs oder pelletierten Melasseschnitzeln einen wichtigen Beitrag dazu leisten.
Projektinformation
Projektleiter: Dr. W. Preißinger
Projektbearbeiter: G. Propstmeier, S. Scherb
Laufzeit: Februar 2016 bis Juli 2019