Winterroggen – Aktuelle Ergebnisse aus der Praxis und den Landessortenversuchen

Winterroggen Feldbestand
In der Praxis wurde bei Winterroggen nach bisher vorliegenden Meldungen mit rund 55 dt/ha ein gutes Ergebnis erzielt, ähnlich dem letzten Jahr. Die Erträge übertreffen das Zehnjahresmittel um 4 dt/ha. Im Vergleich zum Vorjahr standen mit rund 34.400 Hektar allerdings gut 4.500 Hektar weniger zum Drusch. Zusätzliche 4.000 Hektar dienten zur Erzeugung von Ganzpflanzensilage.

Sortenwahl

Bei der Wahl einer Körner-Roggensorte sollte Wert gelegt werden auf hohe und stabile Erträge, auf eine geringe Lagerneigung sowie auf möglichst gute Resistenzen gegen Braunrost und Mutterkorn. In manchen Jahren spielen auch Rhynchosporium und selten Mehltau eine größere Rolle. Ist geplant Brotroggen zu vermarkten, werden häufig ein hl-Gewicht von mindestens 72 kg und Mindestfallzahlen von 120 s gefordert.

Fallzahl

Die Höhe der Fallzahl - die von der Aktivität des stärkeabbauenden Enzyms α–Amylase und der Stärkeangreifbarkeit im Getreidekorn abhängt - wird neben der Witterung vor allem von der Sorte beeinflusst. In Jahren mit trockenen Abreife- und Erntebedingungen sind die Werte bei den gängigen Hybridsorten oft sehr hoch, so dass von Müllern und Bäckern teilweise fallzahlschwächere Partien gesucht sind. Treten jedoch wieder einmal flächendeckend Auswuchsschäden auf, erfolgen Preisabschläge bei niedrigen Fallzahlen. Da in der Regel nur Mindestwerte gefordert werden, sind Sorten mit hohen und stabilen Fallzahlen im Marktfruchtanbau zu bevorzugen. Daneben tragen das Vermeiden von Lager sowie ein frühzeitiger Drusch entscheidend dazu bei, die Fallzahl zu sichern.

Mutterkorn

Bei Brotroggen wird außerdem meist ein Mutterkorngehalt von unter 0,05 Gewichtsprozent gefordert. Im Futtermittelbereich werden teilweise doppelt so hohe Gehalte toleriert. In der Widerstandsfähigkeit gegen Mutterkorn gab es erhebliche Zuchtfortschritte bei den Hybriden. Während noch vor knapp zehn Jahren einige Sorten mit Mutterkorn-Einstufungen zwischen 6 (mittel bis stark anfällig) und 9 (sehr stark anfällig) zugelassen wurden, liegen die Noten der Neuzulassungen in den letzten Jahren zwischen 3 (gering) und 5 (mittel anfällig).
Wie stark eine Sorte für Mutterkorn anfällig ist, hängt unter anderem von ihrer Pollenmenge ab. Denn ein hohes Pollenangebot führt zu einer raschen Befruchtung. Dies wiederum hat zur Folge, dass sich die Blüten schnell schließen und Mutterkornsporen diese nicht mehr infizieren können.
In der Regel stäuben Populationssorten kräftiger und über eine längere Zeit als Hybriden. Bei einigen Hybridsorten (Piano, SU Arvid, SU Cossani, SU Forsetti) wird deshalb dem Praxissaatgut 10 % Populationsroggen beigemischt. Die damit verbundene höhere Pollenschüttung soll zu einer Verringerung der Mutterkornanfälligkeit führen. In den LSV und der Mutterkorn-Resistenzprüfung, die Grundlage für die Mutterkorneinstufung ist, werden jedoch nur die reinen Hybridsorten getestet. Es ist deshalb zu erwarten, dass die Mutterkornanfälligkeit bei den genannten Sorten in der Praxis etwas geringer ist als in der Sortenbeschreibung dargestellt. Ob die Beimischung von ertragsschwächeren Populationsroggen negative Auswirkungen auf den Ertrag hat, wurde in den LSV nicht untersucht.

Hybridsorten

Obwohl die Saatgutkosten bei Hybriden etwa doppelt so hoch sind, lohnt sich ihr Anbau meist. Nur auf sehr ertragsschwachen Standorten und bei extensivem Anbau wird der Ertragsvorteil durch das teurere Saatgut zunichte gemacht. Im fünfjährigen Mittel liefern die Hybriden im LSV 21 % höhere Erträge. Da sich die Roggenzüchtung vorrangig auf Hybriden konzentriert, hat sich der Ertragsabstand im Laufe der Zeit vergrößert.
Um den Mutterkorngehalt im Endprodukt unbedenklich bzw. möglichst gering zu halten, erarbeitete das Max-Rubner Institut in Zusammenarbeit mit weiteren Experten für den Getreidebau und die Getreideverarbeitung

Landessortenversuche

In den bayerischen Landessortenversuchen (LSV) standen heuer 11 Roggensorten an vier Standorten. Grundsätzlich werden alle Sorten in zwei Intensitätsstufen geprüft. Stufe 1, die keine Fungizide und keinen bzw. nur wenig Wachstumsregler erhält, liefert Informationen über die Resistenzeigenschaften und die Standfestigkeit der Sorten. Die intensive Stufe 2 wird dagegen nach Bedarf mit Fungiziden und Wachstumsreglern behandelt. Sie lässt die Ertragsleistung der Sorten bei intensivem Anbau erkennen.

Ergebnisse

Der Ertragsunterschied zwischen den beiden Behandlungsstufen liegt in den bayerischen LSV im Fünfjahresmittel bei 9 dt/ha bzw. 11 %. Diesem Mehrertrag steht ein zusätzlicher Aufwand für Wachstumsregler, Fungizide und Ausbringung (überbetrieblich: 19,5 €/ha) von rund 150 €/ha gegenüber. Wird ein Roggenpreis von 17 €/dt zu Grunde gelegt, reichte der Mehrertrag in den letzten fünf Jahren nur an etwas mehr als der Hälfte der Standorte aus, um die Zusatzkosten zu decken.
Die Intensitätssteigerung führt in den Versuchen häufig zu einer Verbesserung der Kornqualität. Im Mittel der Jahre 2015-19 wurde eine Steigerung des hl-Gewichts um 0,6 kg und des Tausendkorngewichts (TKG) um 2 g erzielt. Die Sortierung verbesserte sich ebenfalls. Der Anteil der Körner über 2 mm nahm von 93 auf 95 % zu. Die Fraktion über 2,5 mm erhöhte sich von 34 auf 40 %.
Da die bayerischen LSV-Standorte seit 2017 bei Roggen von sechs auf vier reduziert wurden, ist eine Ertragsauswertung nach mehreren Anbaugebieten nicht mehr sinnvoll. Aufgrund der geringen Anzahl an Roggenversuchen werden alle LSV, die in der Südhälfte von Deutschland stehen, gemeinsam verrechnet und unter der Bezeichnung „Anbaugebiet Süddeutschland“ veröffentlicht. Die Sortenempfehlung hingegen wird nur für Bayern ausgegeben.