Winterroggen – Aktuelle Ergebnisse aus der Praxis und den Landessortenversuchen

Roggenähren im Feldbestand

Die Praxis fuhr heuer in Bayern mit rund 53 dt/ha einen Ertrag ein, der genau im Mittel der letzten 5 Jahre liegt, den Vorjahresertrag allerdings um 2 dt/ha verfehlte. Die Fläche, auf der Roggen (inkl. Wintermenggetreide) zur Körnernutzung stand, ist im Freistaat in den letzten Jahren weitgehend konstant geblieben und betrug heuer rund 36 000 ha. Die Körnererzeugung von Wintermenggetreide, darunter versteht man einen Mischanbau von mehreren Wintergetreidearten z.B. Triticale und Roggen, nimmt davon nur etwas über 1000 ha ein. Neben Körnerroggen wurden weitere 4 000 ha Roggen als Ganzpflanzensilage genutzt.

Sortenwahl

Bei der Sortenwahl sollte auf mehrjährig gute Erträge geachtet werden. Weitere wichtige Kriterien sind die Standfestigkeit sowie die Anfälligkeit für Mutterkorn, Rhynchosporium und Braunrost. Letzterer kommt vor allem in den wärmeren bayerischen Regionen häufiger vor. In den letzten Jahren trat Rhynchosporium in den Versuchen kaum stärker auf und Mehltau war kein nennenswertes Problem. Ist geplant Brotroggen zu vermarkten, werden häufig ein hl-Gewicht von mindestens 72 kg und Mindestfallzahlen von 120 s gefordert. Sorten mit einer guten Fallzahlstabilität können bei auswuchsfördernder Witterung die Fallzahlen etwas länger über den geforderten Werten halten.

Mutterkorn

Für Verarbeiter von Roggen zu Lebensmitteln sind mutterkornbelastete Partien ein zunehmendes Problem, denn Mutterkörner enthalten giftige Verbindungen, die Ergotalkaloide. Nach Infektion der Roggenblüte mit dem Mutterkornpilz kann anstelle eines Getreidekornes ein dunkelgefärbtes, meist deutlich größeres, aus der Ähre herausragendes Gebilde heranwachsen. Dieses ist die Überdauerungsform des Mutterkornpilzes und wird Mutterkorn genannt. Neben Roggen befällt der Pilz auch andere Getreide- und zahlreiche Gräserarten.
Grenzwerte
Derzeit besteht nach lebensmittelrechtlichen Regelungen ein Grenzwert von 0,5 g Mutterkorn pro Kilogramm Getreide. Dieser gilt für unverarbeitetes Getreide (außer Mais und Reis), das zur Lebensmittelerzeugung bestimmt ist. Der Grenzwert soll für Roggen ab dem 1.7.2024 auf 0,2 g/kg gesenkt werden. Für unverarbeitetes Getreide, außer Roggen, Mais und Reis, gilt dieser Mutterkorngrenzwert bereits ab dem 1.1.2022. Außerdem werden für etliche Getreideprodukte wie z.B. Getreidemahlerzeugnisse und Getreidekörner, die für den Endverbraucher bestimmt sind, zum 1.1.2022 erstmals Höchstgehalte für Ergotalkaloide eingeführt. Diese sollen zum 1.7.2024 weiter reduziert werden. Es ist deshalb zu erwarten, dass die aufnehmende Hand bei den angelieferten Partien zukünftig noch mehr Wert auf niedrige Mutterkorngehalte legt.
Um den Mutterkorngehalt im Endprodukt unbedenklich bzw. möglichst gering zu halten, erarbeitete das Max-Rubner Institut in Zusammenarbeit mit weiteren Experten für den Getreidebau und die Getreideverarbeitung

Einflussfaktoren
Es ist bekannt, dass der Mutterkornbefall von zahlreichen Faktoren – wie z.B. der Witterung, Fruchtfolge, Bodenbearbeitung, dem Standort und Ausgangsinokulum im Boden – abhängt. Aber auch die Sorte spielt eine Rolle. Im Rahmen der Sortenzulassung werden Resistenzprüfungen mit künstlich erhöhtem Mutterkorn-Infektionsdruck durchgeführt. In diesen Prüfungen wiesen die mit „mittel“ anfällig beschriebenen Sorten (Symbol: o) im mehrjährigen Schnitt rund dreimal so viel Mutterkorn auf wie die „gering“ mutterkornanfällig bewerteten Sorten (Symbol: +). Diese Auswertung soll eine grobe Vorstellung vermitteln, mit welchen Sortenunterschieden in etwa zu rechnen ist.
Wie stark eine Sorte für Mutterkorn anfällig ist, hängt unter anderem von ihrer Pollenmenge ab. Denn ein hohes Pollenangebot führt zu einer raschen Befruchtung vieler Blüten. Dies hat zur Folge, dass sich diese Blüten schnell schließen. Mutterkornsporen können sie dann nicht mehr infizieren.
Oft stäuben Populationssorten kräftiger und über einen längeren Zeitraum als Hybriden. Bei einigen Hybridsorten wird dem Praxissaatgut deshalb 10 % Populationsroggen beigemischt. Im LSV sind das die Sorten Piano, SU Arvid, SU Cossani, SU Forsetti und SU Perspectiv. Die damit verbundene höhere Pollenschüttung soll zu einer Verringerung des Mutterkornbefalls führen. In den LSV und der Mutterkorn-Resistenzprüfung, die Grundlage für die Mutterkorneinstufung ist, werden jedoch nur die reinen Hybridsorten getestet. Es wird deshalb erwartet, dass die Mutterkornanfälligkeit bei den genannten Sorten in der Praxis etwas geringer ist als in der Sortenbeschreibung dargestellt. Ob die Beimischung von ertragsschwächeren Populationsroggen negative Auswirkungen auf den Ertrag hat, wurde in den LSV nicht untersucht.

Hybridsorten

Obwohl die Saatgutkosten bei Hybriden etwa doppelt so hoch sind, lohnt sich ihr Anbau meist. Nur auf sehr ertragsschwachen Standorten und bei extensivem Anbau wird der Ertragsvorteil durch das teurere Saatgut zunichte gemacht. Im fünfjährigen Mittel liefern die Hybriden im LSV gut 20 % höhere Erträge. Da sich die Roggenzüchtung vorrangig auf Hybriden konzentriert, hat sich der Ertragsabstand im Laufe der Zeit vergrößert.

Landessortenversuche

In den bayerischen Landessortenversuchen (LSV) standen heuer 12 Roggensorten (10 Hybrid- und 2 Populationssorten) an vier Standorten. Alle Sorten werden in zwei Intensitätsstufen geprüft. Stufe 1, die keine Fungizide und keinen bzw. nur wenig Wachstumsregler erhält, liefert Informationen über die Resistenzeigenschaften und die Standfestigkeit der Sorten. Die intensive Stufe 2 wird dagegen nach Bedarf mit Fungiziden und Wachstumsreglern behandelt. Sie lässt die Ertragsleistung der Sorten bei intensivem Anbau erkennen.

Ergebnisse

Der Ertragsunterschied zwischen den beiden Behandlungsstufen liegt in den bayerischen LSV im Fünfjahresmittel bei 9 dt/ha bzw. 10 %. Diesem Mehrertrag steht ein zusätzlicher Aufwand für Wachstumsregler, Fungizide und Ausbringung (überbetrieblich: 21 €/ha) von rund 150 €/ha gegenüber. Wird ein Roggenpreis von 16 €/dt zu Grunde gelegt, reichte der Mehrertrag in den letzten fünf Jahren nur an der Hälfte der Standorte aus, um die Zusatzkosten zu decken.
Die Intensitätssteigerung führt in den Versuchen häufig zu einer Verbesserung der Kornqualität. Im Mittel der Jahre 2011-2020 wurde eine Steigerung des hl-Gewichts um 0,6 kg und des Tausendkorngewichts (TKG) um 2 g erzielt. Die Sortierung verbesserte sich ebenfalls. Der Anteil der Körner über 2 mm nahm von 95 auf 97 % zu. Die Fraktion über 2,5 mm erhöhte sich von 46 auf 52 %.
Da die bayerischen LSV-Standorte seit 2017 bei Roggen von sechs auf vier reduziert wurden, ist eine Ertragsauswertung nach mehreren Anbaugebieten nicht mehr sinnvoll. Aufgrund der geringen Anzahl an Roggenversuchen werden alle LSV, die in der Südhälfte von Deutschland stehen, gemeinsam verrechnet und unter der Bezeichnung „Anbaugebiete Süddeutschland“ veröffentlicht. Die Sortenempfehlung hingegen wird nur für Bayern ausgegeben.