Anforderungen an eine elektrische Einzäunung bei Anwesenheit von großen Beutegreifern

Die Einzäunung einer Koppel kann nur dann Schutz vor Großbeutegreifern bieten, wenn sie sowohl eine mechanische (z.B. keine Einschlupfmöglichkeiten) als auch eine optische (z.B. deutlich erkennbar) und psychische (z.B. ausreichend elektrifiziert) Barriere darstellt. Die Anschaffung eines komplett neuen Zaunsystems wird hierfür in den wenigsten Fällen nötig sein. Vielmehr kann die Schutzwirkung des bereits bestehenden Zaunes deutlich verbessert werden, wenn einige Hinweise zum Aufbau des Zaunes sowie der Lage der Koppel beachtet werden:

Ein wolfssicherer Zaun muss "untergrabsicher" sein

Aktuell deuten die Erfahrungen aus den Bundes- und Nachbarländern mit langjähriger Wolfspräsenz darauf hin, dass "die allermeisten Wölfe generell keine Elektrozäune überspringen, obwohl sie physisch dazu in der Lage wären" (zitiert aus AGRIDEA 2019, bestätigt von BfN 2019). Generell sind sowohl stationäre wie auch mobile Zaunsysteme geeignet, um Angreifer an einem Eindringen zu hindern. Entscheidend ist die fachlich korrekte Ausführung. Grundsätzlich wird empfohlen auf nicht elektrifizierte Zäune (z.B. Maschendrahtzaun) zu verzichten, da diese "besonders in der Gefahr sind, von Wölfen überwunden zu werden" (BfN 2019). Außerdem wird angenommen, dass Wölfe an nicht elektrifizierten Zäunen lernen, diese zu überspringen/zu untergraben (AGRIDEA 2019).
Die Schutzwirkung von bereits bestehenden, nicht elektrifizierten Zäunen (z.B. Maschendrahtzaun), kann durch das Anbringen von zusätzlichen elektrischen Leitern verbessert werden. Dazu wird außen ein stromführender Draht bzw. ein 2 bis 5 cm breites Band maximal 20 cm über den Boden und 15 cm vor dem Zaun sowie ein oder zwei weitere Drähte/Bänder rund 20 cm über dem Zaun angebracht. Bänder haben den Vorteil, dass sie auch als optische Barriere dienen.
Bei stark wüchsigen Weideflächen ist das Anbringen einer stromführenden Litze im Bodenbereich des Zaunes mit viel zusätzlicher Arbeit für das Entfernen der Vegetation verbunden. Vor allem auf ortsgebundenen Weiden kann alternativ das Einlassen des Zaunes in den Boden oder das Anbringen einer Zaunschürze (siehe Artikel unter "Gehegewild") effektiver sein.
Elektronetz mit Gerät auf Sandboden

Korrekt aufgebautes 90 cm hohes Elektronetz als Grundschutz anerkannt

Wiese mit Zaun

Stromführender Festzaun mit mindestens 4 Litzen (20-40-65-90)

Wiese mit Zaun

Elektrifizierter Maschendrahtzaun mit Außenlitzen

1. Schritt: Richtig zäunen!

  • Die Zäunung muss ringsum – also auch wasserseitig - geschlossen sein. Wölfe überwinden Flüsse!
  • Geländeunebenheiten müssen richtig gezäunt werden (Pfahl in Mulden!)
  • Der Abstand der untersten Litze zum Boden sollte auf der gesamten Zaunlänge an keiner Stelle höher als 20 cm sein. Dies ist speziell an Toren sowie Bodenwellen/Fahrspuren zu überprüfen, um so ein Unterkriechen/Untergraben von Wölfen zu verhindern. Bei Bedarf könnten im Torbereich massive Böden – wie z.B. Rasengittersteine – Abhilfe schaffen. Über diese feste ebene Fläche kann dann eine Stromlitze gezogen werden, die das Untergraben verhindert. Mindestens vier Litzen sollten in den Höhen 20, 40, 65 und 90 cm gezogen sein.
  • Als unterste und oberste Litze wenn möglich optisch auffällige Breitbandlitzen verwenden.
  • Es sollte ein entsprechender Abstand (empfohlen werden 4 m) zu "Einsprunghilfen" wie z.B. Straßenböschungen, Erdwällen, Baumstümpfen oder Heuballen eingehalten werden. Alternativ sind diese Objekte zu entfernen, mit einzuzäunen oder der Zaun entsprechend zu erhöhen.
  • Die Höhe des Zaunes ist wenn nötig an das Gelände anzupassen (z.B. bei Einsprunggefahren im Bereich von Hangkanten)
  • Der Zaun muss gut gespannt sein, sodass die empfohlene Höhe auf der gesamten Koppellänge erreicht wird. Der Zaun darf keine Gelegenheit zum leichten Einspringen an durchhängenden Stellen bieten.
  • Die Koppel muss ausreichend groß sein, damit die Tiere bei Gefahr genügend Raum zum Ausweichen haben und möglichst nicht ausbrechen.
  • Auf möglichst großen Abstand zu Wald oder anderen Deckungsmöglichkeiten für den Wolf achten.
  • Nutztiere und Beutegreifer sind rot grün blind. Die Standardfarbe orange bei Weidenetzen ist daher nur schlecht sichtbar und als Warnfarbe für den Mensch gedacht. Weidenetze mit weiß-blauem Farbkontrast sind gut sichtbar. Durch 20 bis 30 cm lange weiß blaue Flatterbänder in regelmäßigen Abständen können vorhandene Zäune visuell aufgewertet werden.
Skizze mit Geländeunebenheiten und Zaun (Pfahl in Mulden)

Geländeunebenheiten müssen richtig gezäunt werden (Pfahl in Mulden)

Negativbeispiele sind:

Zäune, die keinen Schutz gegen Großbeutegreifer bieten:
Wiese mit Zaun

Abstand zur oberen Litze zu groß

Wiese und Schafe mit Zaun

Zaun mit Einschlupfmöglichkeiten

Wiese und Schafe mit Zaun

Einsprung erleichtert

2. Schritt: Zaun ausreichend elektrifizieren!

Wichtig ist, dass der erste Stromschlag, den der Wolf am Zaun verspürt, gleich die volle Wirkung entfaltet. Nur so wird der Wolf kein zweites Mal versuchen, den Zaun zu überwinden. Solange ein Zaun steht, muss er voll elektrifiziert sein, damit der Wolf keine gegenteilige Erfahrung machen kann und so die Scheu vor dem Elektrozaun verliert.

Voraussetzungen:

  • Die Spannung des Weidezauns sollte 4.000 Volt betragen und darf 2.000 Volt nie unterschreiten.
  • Elektrozäune müssen täglich auf ihre volle Funktionstüchtigkeit (vor allem Spannungskontrolle) hin sorgfältig kontrolliert werden. Es wird empfohlen die Kontrolle täglich zu dokumentieren
    (Stichwort: Nachweis der Sorgfaltspflicht/Haftungsausschluss).
  • Nur wenn alle Bestandteile eines Elektrozaunes sinnvoll aufeinander abgestimmt sind, wird ein effektiver Schutz erreicht. Nutzen Sie die Beratung des Fachhandels!
  • Draht bzw. Litzen sollten einen spezifischen Widerstand von weniger als 1 Ohm/m aufweisen.
  • Weidezaungeräte sollten über eine Impulsenergie von mindestens 1 Joule verfügen. Je länger der Zaun, desto höher sollte die Impulsenergie sein. Auch für die schwerer zu hütenden Schafe, Ziegen und auch Wildtiere sollte die Impulsenergie höher sein.
  • Eine ausreichende Stromversorgung kann rein technisch unter Berücksichtigung von praxisüblichem Bewuchs aktuell bis zu einer Zaunlänge von ca. 15 km gewährleistet werden. Größere Flächen bzw. längere Zäune lassen sich gegebenenfalls aufteilen und mit zwei Geräten versorgen. Achtung: Zäune, die von unterschiedlichen Geräten versorgt werden, müssen einen Mindestabstand von 2,5 m haben. Prinzipiell ist es bei langen Zäunen empfehlenswert, das Gerät mittig zu platzieren um die effektiven Leitungslängen kurz zu halten.
  • Es ist zu prüfen, ob die Erdung ausreichend ist. In der Regel müssen mehrere Erdungsstäbe tief in den Boden eingeschlagen werden. Bei Trockenheit kann ein Wässern der Erdungsstäbe die Erdung verbessern und somit die Stromspannung auf dem Zaun erhöhen.
  • Werden Weidezaungeräte unabhängig von einer Steckdose genutzt, empfiehlt sich zur sicheren Stromversorgung der Einsatz von Solarmodulen.
  • Plus-Minus Netze leiten den Strom intensiver, der Einsatz empfiehlt sich bei trockenen Böden, wenn die Erdung schlecht möglich ist.
  • Zäune stellen eine Barriere für Wildtiere dar. Deshalb sollten nach jedem Weidewechsel die Zäune soweit wie möglich abgebaut werden. Ist dies nicht möglich, wird empfohlen, die Zäune unter Strom zu lassen. Andernfalls gewöhnen sich Wölfe an die Elektrozäune und verlieren so den Respekt davor.
  • Wird der Zaun durch Bewuchs berührt, verringert dies die Stromspannung und damit die Intensität des Stromschlages für den Wolf deutlich. Zum Freihalten des Zaunes von Bewuchs sind Mähen, Mulchen oder thermische Verfahren geeignet. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, insbesondere Totalherbizide ist nicht erlaubt, da für diesen Zweck keine Zulassung vorliegt.
  • Eine Elektrifizierung von Stacheldrähten ist aufgrund der erhöhten Verletzungsgefahr verboten.

Zäune erhöhen?

Viele andere Bundesländer empfehlen nach Überwindung des Grundschutzes (90 cm) durch den Wolf eine Zaunhöhe von 120 cm. Die Erfahrungen aus Deutschland zeigen jedoch, dass Wölfe, die gelernt haben über einen 90 cm hohen Zaun zu springen, auch über 120 cm springen. In Bayern gilt daher: Wird der ordnungsgemäß installierte Grundschutz (in der Regel 90 cm Elektrozaun) überwunden und ist zu befürchten, dass dies wieder geschieht, kann ein Antrag auf Entnahme des Wolfes gestellt werden. Denn: Der Schutz mit Standard-Elektrozäunen kann nur aufrechterhalten werden, wenn Problemwölfe, die nachweislich gelernt haben, diese zu überspringen, schnell und unkompliziert entnommen werden (AGRIDEA 2019).
Wiese mit ZaunZoombild vorhanden

Breite Litze über Elektronetz

Eine beliebige Erhöhung des Zaunes, um ein Überspringen zu verhindern, wird aktuell grundsätzlich nicht empfohlen. Besteht jedoch eine Einsprunggefahr (z.B. aufgrund einer Straßenböschung), sind an diesen Stellen höhere Zäune sinnvoll. Dies kann bei Elektronetzen z.B. auch durch das Anbringen einer zusätzlichen breiten Litze auf dieser Höhe erfolgen.
Fachlich gerechtfertigt erscheint nach aktuellem Stand eine Maximalhöhe von 175 cm. Da mobile Zäune mit zunehmender Höhe instabil werden, wird geraten für diesen Zweck nur eine stationäre Elektrozaunvariante zu benutzen und dies auch nur auf den unbedingt erforderlichen Streckenabschnitten.

Ansprechpartnerin
Johanna Mehringer
Institut für Tierzucht
Prof.-Dürrwaechter-Platz 1
85586 Poing-Grub
Tel.: 08161 8640-7123
Fax: 08161 8640-7199
E-Mail: Tierzucht@lfl.bayern.de

Person bei Zäunungsarbeiten im Wald

Johanna Mehringer