Tierwohl
Fleckvieh Haplotyp 2 (FH2)

Rind mit Kalb im Stall
Der Tierzüchter ist seit jeher bemüht, mit erwünschten Erbanlagen und nicht erwünschten Ausprägungen verantwortungsvoll umzugehen. Die modernen Methoden der Molekulargenetik – beim Fleckvieh sind heute annähernd 30.000 SNP-Genotypen und rund 120 Sequenzdaten verfügbar – liefern wertvolle Beiträge für die schnelle Aufklärung der genetischen Ursachen.
Diese bestehen meist schon seit vielen Generationen und diese Defekte wurden bislang nicht aufgedeckt. Die Methoden der Molekulargenetick ermöglichen eine fachlich angemessene Berücksichtigung in der Zucht.

Erkenntnisstand

Im Zuge der Aufklärung des Zwergwuchses (DW) führten etliche Praxishinweise auf „Kümmerer“ zu einer neuen, vom DW-Genort unabhängigen genetischen Besonderheit. Dem Forscherteam ist es in sehr kurzer Zeit gelungen, jenen Bereich im Rindergenom zu lokalisieren, der direkt mit dem Erscheinungsbild „Minderwuchs“ in Verbindung steht. Es ist ein Bereich, der homozygot (das heißt in jeweils einer Kopie von Vater und Mutter an das Tier weitergegeben) im Tier vorliegen muss, damit das Erscheinungsbild ausgeprägt wird. Der deutliche Minderwuchs wird erst nach dem Absetzen der Milch auffällig, Geburtsgewicht und Frühentwicklung sind weitgehend normal. Minderwüchsige Kälber werden selten berichtet, die zu erwartende Häufigkeit wird aktuell aber mit 0,2 – 0,4 % der Population beziffert. Die verwendete Bezeichnung lautet bis auf weiteres FH2 (Fleckvieh Haplotyp 2).

Empfehlungen

Durch die neuen Erkenntnisse ist es nun möglich, das vorrangige Ziel, die Frequenz dieser Mutation in der FV-Population (zirka 4 %) zu reduzieren, durch systematische Selektion und Anpaarung umzusetzen:
  • Risikoanpaarungen vermeiden, das heißt Anlageträger keinesfalls an Tiere anpaaren, bei denen ein anderer Anlageträger im Pedigree aufscheint (besonders auf Vater und Muttersvater achten)
  • Einsatz von Anlageträgern verantwortungsvoll einschränken
  • Bei der Selektion von Kandidaten für KB- und Natursprung möglichst auf FH2-freien Status achten (alle genotypisierten Kälber weisen ein Ergebnis auf)
  • Kurz- bis mittelfristig sind geeignete Hilfsmittel in Anpaarungsprogrammen und Zuchtwertdatenbanken zu installieren.
Bei allen Zuchtmaßnahmen ist zu berücksichtigen: der derzeit verfügbare Haplotypentest ist nicht zu 100% sicher.

Risikoanpaarungen vermeiden

Durch die gewonnenen Kenntnisse ist es nun auf einfache Art und Weise möglich, die Frequenz dieser Mutation in der Population niedrig zu halten bzw. weiter zu reduzieren. Wir empfehlen daher, Bullen, die Träger des Allels sind, nicht mehr für den Besamung- und Natursprungeinsatz zu selektieren und wir raten dringend dazu, Risikoanpaarungen strikt zu vermeiden.

Liste der Besamungsstiere, die Anlagenträger sind

Betroffene Besamungsbullen, die Anlageträger sind, werden in der Onlineanwendung BaZI-Rind gekennzeichnet bzw. können über die Suchmaske selektiert werden.
Von der Befruchtung bis zum Ende der Aufzuchtphase sind es zahlreiche Letal- und Subvitalfaktoren, die uns neben umweltbedingten Einflüssen (z.B. Infektionen während der Trächtigkeit) nicht unbedeutende Ausfälle bescheren. Der im Zuge der Genomselektion aufgebaute riesige Pool an Typisierungsdaten - er beinhaltet die Genominformation von inzwischen mehr als 9.000 Besamungsbullen - und die von der Wissenschaft entwickelten modernen Werkzeuge geben uns Mittel in die Hand, den genetisch bedingten Teil dieser Verluste Stück für Stück zu reduzieren. Wir wollen diese Mittel rasch nutzen und mit einer offensiven und transparenten länderübergreifenden Strategie den Status des Fleckviehs als die Fitnessrasse konsequent weiter ausbauen.
Quelle: AGÖF, ASR und Dr. Reiner Emmerling, August 2013

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