Tierwohl
Stellungnahme zum BR-Beitrag "Qualzucht in der Rinderzucht"

Kuh mit saugendem Kalb auf der Weide

In einem Beitrag des BR werden die fachlichen Zusammenhänge zur Nutzungsdauer falsch dargestellt. Wir erläutern die fachliche Sicht auf die Nutzungsdauer von Milchkühen.

Der Beitrag des BR vom 9. Mai 2019 erzeugt erwartungsgemäß eine große Resonanz, ist aber dennoch irreführend, wenn nicht schlecht recherchiert. Zunächst einmal ist es nicht zutreffend, dass Kühe früher 15 bis 20 Jahre alt wurden. Verfügbare Zahlen belegen, dass die Nutzungsdauer von Kühen früher unwesentlich länger war als heute. Natürlich gab und gibt es einzelne Kühe, die ein sehr hohes Alter erreichen. Das hat aber meist emotionale Gründe auf Seiten der Landwirte. Milchkühe erzeugen über die Hälfte des in Deutschland verzehrten Rindfleisches und das Recht verlangt ja auch, dass ein Tier, das zur Erzeugung von Nahrungsmitteln geschlachtet wird im Wesentlichen gesund ist.

Gründe für das Schlachten von Kühen

Die Gründe dafür waren damals dieselben wie heute: Kühe bringen jedes Jahr ein Kalb auf die Welt, das auf Grund des modernen Managements in Milchviehbetrieben eine sehr gute Überlebenschance hat. Landwirte ziehen die allermeisten weiblichen Kälber auf, um immer eine Reserve für abgehende Kühe zu haben, denn nur wenn alle Kuhplätze belegt sind, stimmt das Einkommen für den Landwirt. Die Kehrseite der Aufzucht nahezu aller weiblichen Kälber ist, dass diese irgendwann auch zum ersten Mal abkalben und damit zur Kuh werden. Da die Zahl der Kuhplätze in einem Betrieb im Wesentlichen konstant ist, muss demzufolge für jede erstmals abkalbende Färse eine (ältere) Kuh gehen.
Es lässt sich wissenschaftlich eindeutig belegen, dass dieses Verfahren zu einer Nachersatzquote von rund 30 bis 35 Prozent aller Kühe pro Jahr führen muss. Wenn man eine niedrigere Nachersatzquote möchte, muss man entweder die Zahl geborener (weiblicher) Kälber verringern oder mehr Kälber schlachten (und mehr Kalbfleisch essen). Nur wenige Betriebe verkaufen in größerem Umfang Zuchtvieh, um überzählige Kühe in andere Betriebe abzusetzen. Das verbessert die Bilanz im abgebenden Betrieb, aber die zugekaufte Jungkuh verdrängt im aufnehmenden Betrieb ebenfalls ein Tier aus der weiblichen Nachzucht oder eine Altkuh.
Es ist also in jedem Fall zu erwarten, dass in Deutschland jährlich rund 1,7 Mio. Kühe zur Schlachtung gehen, weil sie durch jüngere Tiere ersetzt werden. Es wäre sicherlich auch keine schönere Meldung, wenn jährlich 1,7 Mio. Kälber früh geschlachtet würden, um ihren Müttern ein längeres Leben zu ermöglichen.

Tiergesundheit liegt uns am Herzen

Diese Bemerkungen sollen nicht in Abrede stellen, dass es viele Ansatzpunkte zur Verbesserung der Tiergesundheit in der Milchviehhaltung gibt und dass nicht alle Milchviehhaltungen gut gemanagt sind. Gesündere Tiere sind nicht nur gut für das Tierwohl, sie geben auch dem Landwirt mehr Freiräume bei der Auswahl der Tiere, die zum Schlachten gehen sollen und verringern die Zahl der sogenannten Krankschlachtungen. Es ist aber völlig falsch, so zu tun, als seien alle Tiere, die die Herde verlassen, todkrank. In den meisten Fällen werden aus den oben genannten Gründen gesunde Kühe geschlachtet.

Fakten zur Nutzungsdauer

LiniendiagrammZoombild vorhanden

Daten zur Nutzungsdauer in Bayern von 1986 bis 2018

Es ist auch nicht richtig, dass die Situation immer schlimmer wird. Die nachfolgende Grafik aus dem Datenbestand des LKV Bayern, der 80 Prozent aller bayerischen Kühe umfasst, zeigt die wahren Verhältnisse. Bereits seit der Jahrtausendwende ist bei allen drei Hauptrassen in Bayern eine konstante, zuletzt sogar eine leicht ansteigende Nutzungsdauer zu beobachten. Von Mitte der achtziger Jahre bis zur Jahrtausendwende gab es einen geringfügigen Rückgang, der bei unseren beiden Hauptrassen Fleckvieh und Braunvieh jedoch weniger als 100 Tage ausmachte. Hierin spiegelt sich auch, dass die Kälberverluste gesunken sind und weniger Kalbfleisch nachgefragt wird. Seit dem Jahr 2002 ist die Nutzungsdauer ein wichtiges Merkmal im Zuchtziel aller drei Rassen und offensichtlich zeigt die Zucht Erfolge.

Originalbeitrag des Bayerischen Rundfunks vom 9. Mai 2019