Tierwohl in der Bullenmast
Bullenmast – Kalkulation der Mehrkosten durch Tierwohl-Maßnahmen

Zwei Bullen beim Fressen am Futtertrog.

Foto: Rudolf Gasteiger

Auch in der Bullenmast sind derzeit sehr viele Ideen zum Tierwohl im Umlauf. Die Umsetzung dieser Vorschläge verursacht Mehrkosten, die durch einen höheren Produktpreis ausgeglichen werden müssen.

Im Folgenden werden für ausgewählte Tierwohl-Vorgaben die Kosten kalkuliert. Dies erfolgt für die Produktionszweige "Bullenmast ab Kalb" und "Bullenmast ab Fresser" in spezialisierten Mastbetrieben. Die beispielhafte Kalkulation kann aber eine betriebsindividuelle Kalkulation nicht ersetzen.

Bullenmast in Bayern

In Bayern wurden 2021 insgesamt 360.244 männliche Rinder (älter als 6 Monate) in 21.605 Betrieben gehalten (InVeKoS 2021). Davon hielten 4.246 Betriebe ohne Kühe (Milch- oder Mutterkühe) insgesamt 197.381 Tiere. Somit sind 55 % der Mastbullen in spezialisierten Mastbetrieben aufgestallt (Tabelle 1).
Seit 2011 ist die Anzahl an Mastbullen um 17 % zurückgegangen, wobei diese Tierabstockung hauptsächlich in den Betrieben mit Kühen erfolgt ist. Bei den spezialisierten Mastbetrieben deckt der Zuwachs an Tieren in der Gruppe "150 und mehr Mastbullen" den Verlust an Tieren in den Gruppen mit kleineren Tierbeständen ab.
Gleichzeitig ist die Anzahl der Betriebe mit Bullenmast um 26 % zurückgegangen, vor allem bei den Bullenmästern mit Kühen. Insgesamt schreiten somit der Strukturwandel und die Spezialisierung weiter fort.

Tabelle 1: Veränderung der Anzahl der Mastbullen und Bullenmäster in Bayern von 2011 bis 2021

 20112021Veränderung absolutVeränderung in Prozent
Anzahl Tiere (männliche Tiere ab 6 Monate)
Bullenmäster ohne Kühe198.067197.381- 6860
Bullenmäster mit Kühen233.859162.863- 70.996- 30
Mastbullen in Bayern431.926360.244- 71.682- 17
Anzahl Betriebe
Bullenmäster ohne Kühe4.7094.246- 463- 10
Bullenmäster mit Kühen24.34917.359- 6.990- 29
Bullenmäster in Bayern29.05821.605- 7.453- 26

Wirtschaftliche Situation

Die Direktkostenfreie Leistung (DkfL) mit Grundfutterkosten liegt in Bayern im fünfjährigen Durchschnitt bei 340 € je erzeugten Mastbullen bei Mast ab Kalb bzw. bei 219 € je erzeugten Mastbullen bei Mast ab Fresser (LKV Jahresabschlüsse).
Die ökonomischen Ergebnisse im LKV Prüfungsjahr 2020/21 liegen voraussichtlich und erfreulicherweise deutlich über diesen Durchschnittswerten.
Abbildung 1: Balkendiagramm Direktkostenfreie Leistung – Mast ab Kalb der Wirtschaftsjahre 2015/16 bis 2019/20

Abbildung 1: Direktkostenfreie Leistung – Mast ab Kalb

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Abbildung 2: Balkendiagramm Direktkostenfreie Leistung – Mast ab Fresser der Wirtschaftsjahre 2015/16 bis 2019/20

Abbildung 2: Direktkostenfreie Leistung – Mast ab Fresser

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Kosten verschiedener Tierwohl-Maßnahmen in der Bullenmast

Bei den diskutierten Tierwohl-Maßnahmen ist eine Aufteilung in Maßnahmen sinnvoll, die auf das einzelne Tier bezogen sind, und in Maßnahmen, die den Gesamtbetrieb betreffen. Aufgrund der großen Anzahl an Vorschlägen werden ausgewählte Maßnahmen beispielhaft dargestellt.

Einzeltier

  • Größerer Stallplatz je Tier
  • Weiche Liegefläche

Gesamtbetrieb

  • Zertifizierungsmaßnahme
  • Fortbildungsnachweis

Größerer Stallplatz je Tier

Zur realen Stallplatzgröße je Mastbulle in den bayerischen Betrieben sind derzeit nur sehr ungesicherte Daten vorhanden. Weiterhin gibt es hierzu keine rechtlich verbindlichen Vorgaben, so dass nur Schätzwerte vorliegen.
In Tabelle 2 sind die Mehrkosten je erzeugten Mastbullen bei unterschiedlichen Ist-Stallplatzgrößen für die Mast ab Kalb aufgeführt. Als Neu-Stallplatz werden als Festwert mindestens 3,5 m2 je Mastbulle verwendet, entsprechend der Tierschutzleitlinie für die Mastrinderhaltung in Niedersachsen.

Tabelle 2: Mehrkosten je erzeugten Mastbullen bei unterschiedlichen Stallplatzgrößen

Ist-Stallfläche in m2 Mehrkosten bei einer Stallfläche von 3,5 m2 Differenz der Mehrkosten
2,50136 €
2,60118 €18 €
2,70101 €17 €
2,8085 €16 €
2,9070 €15 €
3,0057 €14 €
3,1044 €13 €
3,2032 €12 €
3,3021 €11 €
3,4010 €11 €
3,500 €10 €
Bei einer Ist-Stallfläche von 2,70 m2 je Mastbulle in der Endmast bedeutet dies, dass in einem Stall mit 140 jährlich erzeugten Mastbullen zukünftig nur mehr 108 Mastbullen erzeugt werden können. Es fehlen 32 Mastbullen bzw. 10.880 € DkfL. Dieser Fehlbetrag muss von den verkauften 108 Mastbullen zusätzlich erlöst werden. Somit liegen Mehrkosten von 101 € je Mastbulle vor.
Dabei ist auffällig, dass diese Mehrkosten sich nicht linear verändern, sondern mit abnehmender Ist-Stallfläche überproportional ansteigen. Weiterhin sind in dieser Kalkulation "abgerundete" Tiere nicht enthalten. In einer Ist-Bucht mit 12 Tieren und 2,70 m2 je Mastbulle wären bei mindestens 3,50 m2 je Mastbulle nur mehr 9,26 Mastbullen zulässig, und dies ist auf 9 Mastbullen abzurunden, mit einer entsprechenden Erhöhung der Mehrkosten.
Entsprechend der zuvor dargestellten Berechnung entstehen bei der Mast ab Fresser, einer Ist-Stallfläche von 2,70 m2 je Mastbulle und bei einer Neu-Stallfläche von 3,50 m2 je Mastbulle Mehrkosten von 65 € je Tier.

Weiche Liegefläche

Bei einem Platzangebot von 3,5 m2 je Mastbulle in der Endmast wären ca. 2,50 m2 Liegefläche anzusetzen. Da in den bayerischen Mastbetrieben aber meistens ein- oder mehrfach umgestallt wird und dadurch Stallfläche eingespart wird, ist eine durchschnittliche Liegefläche von 2,38 m2 anzurechnen. Bei Materialkosten von 143 € je m2 weiche Liegefläche (mit MWSt, ohne Rabatt) entsteht ein Investitionsumfang von 340 €. Hieraus resultieren jährliche Kosten von 51 € je erzeugten Bullen (15 % für Afa, Zinsansatz, Reparaturen). Allerdings sind hierbei die Kosten bzw. der Zeitaufwand für die Montage und für vorbereitende Arbeiten (z. B. Reinigen der Spaltenböden) nicht berücksichtigt.
Beim größeren Stallplatz und der weichen Liegefläche sind die höheren Tageszunahmen mit erhöhten Futterbedarf nicht angesetzt, da hierzu noch Erhebungen zu fundierten Daten laufen. Ebenso wird unterstellt, dass in Bereich Kälberaufzucht keine Mehrkosten entstehen.

Zertifizierungsmaßnahme

Wird eine Zertifizierungsmaßnahme (z. B. Tränkwassercheck) gefordert, so bezieht sich diese Maßnahme auf den gesamten Betrieb. Beispielhaft werden hierfür Kosten von 725 € je Betrieb (mit MWSt) angesetzt. Hierin sind die Kosten der Probenahme und ein kalkulatorischer Lohnansatz für den Betriebsleiter enthalten.
Wird dieser Betrag wiederum auf 108 verkaufte Mastbullen bezogen, so entstehen Mehrkosten von 7 € je Bulle.

Fortbildungsnachweis

Ein ganztägiges, fachspezifisches Tagesseminar an einem Tagungsort wird hier als Fortbildungsmaßnahme unterstellt und nicht eine kleine, lokale Abendveranstaltung. Dies entspricht den fachlichen Anforderungen der spezialisierten Bullenmast in Bayern. Die Kosten von 697 € je Betrieb (mit MWSt) umfassen die Seminarkosten, den Lohnansatz für den Betriebsleiter mit Reisekosten.
Bei 108 verkauften Mastbullen liegen somit Kosten von 6 € je Bulle vor.

Zusatzkosten

Bisher wurden nicht angesetzt:

  • Mehrkosten für Abrundung der gehaltenen Tiere je Platz
  • Inflationsrate
  • Risiko
Die abgerundete und damit fehlende Tierzahl ist abhängig von der Gruppengröße und der Ist-Stallfläche. Damit ist sie sehr betriebsindividuell und schwierig als Zahl erfassbar. Dies gilt ebenso für das Risiko, das der Landwirt trägt bei der Teilnahme an entsprechenden Programmen mit diesen Vorgaben. Deshalb wird für die Zusatz-Kosten pauschal 10 % der Mehrkosten angerechnet.

Gesamtkosten

Insgesamt liegen somit Mehrkosten von 182 € (Mast ab Kalb) bzw. 142 € (Mast ab Fresser) je erzeugten Mastbullen vor. Bezogen auf die durchschnittlichen fünfjährigen Schlachtgewichte (SG) müssten somit 0,43 € je kg SG bzw. 0,33 € je kg SG mehr erzielt werden, was einen deutlichen Preisanstieg bedeuten müsste (Tabelle 3).
Klar erkennbar ist zudem, dass der größere Stallplatz und die weiche Liegefläche die größten Kostenfaktoren sind.

Tabelle 3: Mehrkosten je erzeugten Mastbullen bei der Umsetzung verschiedener Tierwohlmaßnahmen

 Mehrkosten "Mast ab Kalb"Mehrkosten "Mast ab Fresser"
Größerer Stallplatz101 €65 €
Weiche Liegefläche51 €51 €
Zertifizierung7 €7 €
Fortbildung6 €6 €
Zwischensumme165 €129 €
Zusatzkosten17 €13 €
Summe182 €142 €
Schlachtgewicht427 kg424 kg
Mehrkosten je kg Schlachtgewicht0,43 €0,33 €

Fazit

Die hier dargestellten Vorschläge zur Verbesserung des Tierwohls können die Bullenmäster umsetzen. Die Mehrkosten hierfür müssen aber vollständig bezahlt werden. Dies gilt auch für Landwirte, die bereits die Vorgaben (z. B. weiche Liege­fläche) erfüllen. Die Bullenmäster haben diese Maßnahmen "auf eigene Kosten" umgesetzt und sollten sie nunmehr auch erstattet bekommen. Zudem erhalten die Landwirte nur die Mehr-Kosten – eine Gewinn-Mehrung findet nicht statt.
Aufgrund der großen Bandbreite bei der betrieblichen Ausgangssituation und der hieraus resultierenden großen Spannweite der kalkulierten Mehrkosten ist wichtig, dass jeder Bullenmäster eine betriebsindividuelle Kalkulation durchführt, um seine Mehr-Kosten zu ermitteln. Dies gilt insbesondere bei der derzeitigen Entwicklung bei den Schlachtrinderpreisen und den Produktionsmittelpreisen.

Ansprechpartner:
Rudolf Gasteiger
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Agrarökonomie
Menzinger Straße 54, 80638 München
Tel.: 08161 8640-1402
E-Mail: Agraroekonomie@LfL.bayern.de

Foto von Rudolf Gasteiger

Rudolf Gasteiger

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